»Es ist aus den letzten Rittern von Marienburg, von Hüon.« Ein Gemurmel des Staunens und Beifalls lief durch die dichten Massen, als man diesen Titel hörte. »Wie, ein neuer Roman? – Ah, derselbe, welchen die Blätter fürs belletristische Vergnügen so tüchtig ausg– Sie sind ja da, leise, leise. – – Wo kann man den Roman sehen?« – So wogte das Gespräch und Geflüster auf und ab, bis der Wirt des Hauses mit triumphierendem Lächeln ein Damenkörbchen an seidenen Bändern in die Höhe hielt, es öffnete und ein Buch hervorzog. Er schlug den Titel auf, er zeigte ihn der gespannten Gesellschaft, und mit freudigem Staunen las man in großen gotischen Lettern: »Die letzten Ritter von Marienburg.« – »Vorlesen, bitte, vorlesen,« tönte es jetzt von dreißig, vierzig schönen Lippen, und selbst die jungen Männer, die sonst diese Unterhaltung weniger liebten, stimmten für die Vorlesung. Aber eine nicht geringe Schwierigkeit fand sich jetzt in der Wahl des Vorlesers; denn jene Literatoren, die sonst in diesem Zirkel dieses Amt bekleidet hatten, stemmten sich heute bestimmt dagegen; der eine war erhitzt, der andere hatte Katarrh, der dritte war heiser, und allen war die Unlust anzusehen, daß nicht ihre eigenen Produkte, sondern fremde Geschichten vorgelesen werden sollten.

»Ich wüßte keinen Besseren vorzuschlagen,« sagte endlich ein Kriminalpräsident von großem Gewicht, »als dort meinen Referendär Palvi; wenigstens zeugen seine Referate von sehr guter Lunge und geschmeidiger Kehle.« Indem der Kriminalpräsident seinen eigenen Witz belachte und im Chorus sechs Juristen pflichtgemäß mit einstimmten, verbeugte sich der junge Mann, an welchen die Rede ging, während eine flüchtige Röte über sein Gesicht zog, und zur Verwunderung der Gesellschaft, die ihn sehr wenig kannte, ergriff er das Buch und die Tasche und fragte bescheiden, welcher von den Damen beides gehöre?

Dem Stallmeister, der hinter ihm stand, hatte dies längst sein scharfes Auge gesagt. Elise war flüchtig errötet, als der Onkel den Beutel emporgehoben und das Buch daraus hervorgeholt hatte. Als aber Palvi anfragte, als er mit seinem dunkeln Auge den Kreis der Damen überstreifte und bei ihr stillestand, da goß sich ein dunkler Karmin über Stirne, Wangen und den schönen Hals des Fräuleins; sie schien überrascht, verlegen, und als jene Röte ebenso schnell verflog, schien sie sogar ängstlich zu sein. »Das Buch gehört mir, Herr von Palvi,« sagte sie schnell und mit einem kurzen Blick auf ihn. »Und werden Sie erlauben, daß daraus vorgelesen wird? Daß ich daraus vorlese?« fragte er weiter.

»Ich habe hier nichts zu bestimmen,« erwiderte sie, ohne aufzusehen, »doch das Buch steht zu Diensten.«

»Nun dann nicht gesäumt!« rief der Oheim. »Sessel in den Kreis und ruhig sich gesetzt und andächtig zugehört, denn ich denke, wir werden einen ganz angenehmen Genuß haben.«

Man tat nach seinem Vorschlag; in bunten Kreis setzte sich die zahlreiche Gesellschaft, und sei es, daß man auch hier Fräulein Elise als literarische Königin ansah, oder war es eine sonderbare Fügung des Zufalls, der Vorleser kam so gerade ihr gegenüber zu sitzen, daß, so oft sie die Augen aufhob, diese schönen Augen auf ihn fallen mußten.

»Aber, Freunde,« bemerkte die Dame vom Hause, »dieser Roman hat, soviel ich weiß, drei Bände; wollen wir sie alle anhören, so kommt unsere junge Welt heute nicht mehr zum Tanzen, und wir andern nicht zum Spiel; ich denke, man wählt die schönsten Stellen aus.«

»Wer aber soll sie wählen?« fiel ihr Gatte ein. »Das Ding ist nagelneu, niemand hat es gelesen; doch Fräulein Wicklow wird uns helfen können. Können Sie nicht schöne Stellen andeuten und uns den Faden des übrigen geben?«

Man bat so allgemein, so dringend, daß Elise nach einigem Zögern nachgab. »Der Roman,« sagte sie, »spielt, wenn ich mir die Jahreszahl richtig gemerkt habe, in den Jahren 1455 bis 1456 in und um Marienburg in Ostpreußen. Der Deutsche Orden ist von seinen früheren einfachen und reinen Sitten abgekommen; dies und innerer Zwiespalt, wie Neid und Anfeindungen von allen Seiten her, drohen einen baldigen Umsturz der Dinge herbeizuführen, wie denn auch durch den Verrat böhmischer Ordenssoldaten, gegen Ende des dritten Teils, Marienburg für den Orden auf immer verloren geht. Auf diesem geschichtlichen Hintergrund ist aber die interessante Geschichte eines Verhältnisses zwischen einem jungen deutschen Ritter und einem Edelfräulein aufgetragen. Sie ist die Tochter des Kastellans von Marienburg, eines geheimen und furchtbaren Feindes des Ordens, der, anscheinend dem Deutschmeister befreundet, nur dazu in Marienburg lebt, um jede Blöße des Ordens den Polen zu verraten. Der Roman beginnt in der Ordenskirche, wo die Ritter und viele Bewohner von Marienburg und der Umgegend bei einem feierlichen Hochamt versammelt sind, um den Tag zu feiern, an welchem vor vielen Jahren der erste Komtur mit seinem Konvent in dieser Burg einzog. Der letzte Meister, Ulrich von Elrichshausen, ein Mann, der sich dem nahenden Verderben noch entgegenstemmen will, hält eine eindringliche Rede an die Ordensglieder. Der Gottesdienst endet mit einer feierlichen, lateinischen Hymne. Indem zwei der jüngsten Ritter, nach der Sitte bei solchen Gelegenheiten, den vornehmsten fremden Besuchern das Geleite bis in den Vorhof geben, bemerkt der eine von ihnen, daß der andere im Vorbeistreifen ein kleines Päckchen in die Hand einer verschleierten Dame gedrückt habe. Die Kirche ist leer, und im zweiten Kapitel fragt nun der erstere den zweiten um die Bedeutung dessen, was er gesehen. Er ist sein Waffenbruder, ein Bündnis, das nach der Sitte der Zeit fester als irgend ein Freundschaftsband galt, und Elrichshausen, der Neffe des Meisters, der Held des Romans, gesteht ihm endlich sein Verhältnis zu der Dame, erzählt ihm von seinem Leben, seinen trostlosen Aussichten.