»Ei der Tausend!« sagte der Alte, mit einem sonderbaren Seitenblick auf Palvi, »konnte man doch solche Speise vertragen, ohne den ästhetischen Gaumen und Magen zu verderben? Hat sich denn die Welt gedreht, oder waren unsere hiesigen Schöngeister nicht zugegen?«
»Doch, sie waren dabei,« erwiderte Rempen, »sie wagten es nicht, sich dagegen zu setzen, obgleich der Zorn aus ihren Augen sprühte, denn noch diesen Morgen hatten sie sich bündig und deutlich erklärt.« Und nun erzählte er den Auftritt im Keller des Italieners mit einer Geläufigkeit, über welche er sich selbst wundern mußte. Mehrmals wurde er von einem schnellen, kurzen Lachen des Alten unterbrochen, als er aber mit dem furchtbaren Bündnisse der literarischen Trias endete, brach der alte Mann in so herzliches Gelächter aus, daß der Wirt zum Entenzapfen mit einem tiefen Gestöhne erwachte und sich im Sessel umwälzte.
»Der Herr Stallmeister erzählen gut,« sprach dann der Magister, indem er Tränen, die das Lachen hervorgelockt hatte, verwischte. »Ich kenne sie, diese Bursche, diesen Chorus von Halbwissern. Sie sind geachteter beim Stadtpublikum und auf dem Landsitze als der wahre Gelehrte, sie sind die Vornehmern unter den Musensöhnen und machen ungebeten die Honneurs auf dem Parnaß, als wären sie Prinzen des Hauses oder zum mindesten Kammerjunker; um so weniger können sie es verschmerzen, wenn ihre Blöße aufgedeckt und ihre Schande ans Licht gestellt wird. Sie fühlen ihr Nichts, sie sehen es einander ab, aber sie wollen es sich nicht merken lassen.«
»Am sonderbarsten und unerklärlichsten scheint mir ihre Wut gegen das, was man jetzt historischen Roman nennt,« bemerkte der Stallmeister. »Ich bin zu wenig im Getriebe der Literatur bewandert, um es mir erklären zu können.«
»Danken Sie Gott,« erwiderte der Alte, »daß Sie ein heiteres, rüstiges Handwerk erlernt haben und von diesem unseligen, feindlichen Treiben nichts wissen. Kommt mir doch diese schöne Literatur jetzt vor wie scharfer Essig. Mit gehöriger Zutat vom Oel des Lebens, Philosophie, ist sie die Würze eurer Tage; aber kostet sie gesondert, so ist sie scharf, abstoßend; betrachtet sie genau, etwa durch ein tüchtiges Glas, so sehet ihr das Acidum aufgelöst in eine Welt von kleinen Würmern, die sich wälzen und einander anfallen, übereinander wegkriechen.«
»Pfui! Aber ihr Verhältnis zum historischen Roman?«
»Sie gebärden sich,« antwortete Bunker, »als ob sie gegen irgend eine Erscheinung des Zeitgeistes ankämpfen könnten, wie Pygmäen gegen einen Riesen. Als ob nicht schon die Ilias so gut historisch gewesen wäre als irgend ein Roman des Verfassers von Waverley. Und ist nicht Don Quichotte der erste aller historischen Romane? Doch nehmen Sie nähere Beispiele bei uns. Spricht sich nicht in Wilhelm Meister das Element eines historischen Romans geheimnisvoll aus? Müssen wir nicht den Begebenheiten, in die der Held verwickelt ist, eine gewisse Zeitgeschichte unwillkürlich unterlegen? Müssen wir nicht das Lager des Prinzen als eine notwendige historische Dekoration damaliger Zeit ansehen? Und die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, sind sie nicht eine historische Novelle? Wir betraten also zum mindesten keinen neuen Boden, kein neues, zweifelhaftes Gebiet.«
»Und welch kleiner Schritt,« bemerkte Palvi, »welch natürlicher Uebergang ist vom historischen Drama, wie wir es bei Goethe finden, zum modernen, geschichtlichen Roman. Sie sind ihm schon um vieles näher als die historischen Schauspiele Shakespeares. Wie im Romane sprechen dort die Helden nicht großartige Gefühle aus. Sie halten nicht gedehnte Reden, sondern ihre Reden erzählen von den schlummernden Entschlüssen ihrer Seele, und wir erblicken in einer einzelnen Wendung Motive, ahnen Handlungen, die sich nachher verwirklichen.
»Die Völker scheinen sich in unseren Tagen zu scheiden und scharf abzugrenzen. Doch diese Scheidung ist nur scheinbar, denn die Menschheit ist durch so viele Erfindungen sich näher gerückt worden. Wir gehören mehr und mehr der Welt an. Wir sprechen von entfernten Polarländern oder von Amerika mit einer Bestimmtheit, einem Gefühl der Nähe, wie unsere Großväter von Frankreich sprachen. Wir sind jetzt erst Europäer geworden. Darum ist uns nichts mehr fremd, was in diesem alten Weltteile geschieht. Der Unterschied der Sprache hat aufgehört, denn Dank sei es unseren gewandten Uebersetzern, es ist, als ob Scott und Irving in Frankfurt oder Leipzig lebten.«
»Gewiß!« fiel Rempen ein, »auch in der Gesellschaft sind sich die verschiedenartigsten Elemente näher getreten. Unsere jungen Männer erzählen jetzt von einer Reise nach London oder Rom mit mehr Bescheidenheit oder Gleichgültigkeit als sonst einer von einer Reise an einen zwanzig Meilen entfernten Hof erzählte. Aber ist uns durch alles dies, da wir in einer so breiten Gegenwart leben, die Geschichte nicht vielmehr fern als nahe gerückt?«