»Dieser ganze Roman,« lispelte endlich eine Dame, deren Blässe und feuchte Augen auf zarte Nerven schließen ließen, »kommt mir vor wie jener Ausspruch Jean Pauls: ›Wie manche stille Brust ist nichts als der gesunkene Sarg eines erblaßten geliebten Bildes.‹ Dieser Hüon liebt gewiß unglücklich, und darum gefällt er sich in diesem tragischen Geschick.«

»Gerade dies kommt mir überaus komisch vor,« bemerkte der Hofrat, dem Neid und Verdruß um die Nasenflügel spielten; »dieser Mensch hat zu wenig Tiefe, zu wenig Empfindung, um die Wehmut, das Unglück zu zeichnen, doch ich habe mich an einem andern Ort hinlänglich darüber ausgesprochen. Gewiß, es ist so, wie ich sage. Es steht ja gedruckt, mein Urteil,« setzte er hinzu, indem er sich vornehm in den Stuhl zurücklehnte.

»Doch glaube ich, auch gegen ein gedrucktes findet noch Appellation statt,« sagte der junge Rempen mit gleichgültiger Miene.

»Wieso?« rief der Hofrat errötend.

Rempen war etwas betroffen, aber die munteren Augen seines Oheims, der hinter dem Stuhl des Hofrats stand, winkten ihm, fortzufahren. »Ich meine, ich habe so etwas gelesen, das Ihr Urteil, bester Hofrat, völlig umstieß,« entgegnete er; »übrigens ist ein gedrucktes Urteil immer nur das Urteil eines einzelnen, und dem einzelnen muß erlaubt sein, dagegen zu streiten. Ich zum Beispiel finde diesen Roman besser, als Sie ihn gemacht haben. Auch glaube ich, Tiefe des Gefühls müsse dem abgehen, der dies in den letzten Rittern von Marienburg nicht findet.«

Der Oheim hatte solches wohl nicht geahnt, denn er und die ganze Gesellschaft schienen erstaunt über die Kühnheit des Stallmeisters.

»Solche historischen Romane,« nahm der Professor das Wort, »sind nur Fabrikarbeiten. Die Form ist gegeben, und wie leicht, wie sicher läßt sich diese Form von jedem handhaben! Nehmen Sie irgend einen Lappen der Welthistorie, zerreißen ihn in kleine Fetzen und kleiden die hergebrachten Personen von A bis Z darein, so haben Sie einen historischen Roman. Die weitere Entwicklung ist leicht, besonders wenn man es sich so leicht macht wie dieser Hüon, und nur genugsam Floskeln eingestreut sind; wenn das Tränentuch häufig als Panier aufgepflanzt wird, so kann der Eindruck nicht verfehlt werden.«

»Und doch deucht mir,« erwiderte Palvi, »es ist bei weitem schwerer, einen Roman zu dichten, der den Forderungen einer wahren, vernünftigen und billigen Kritik entspricht, als ein Drama zu schreiben.«

»Und was nennen Sie denn eine vernünftige und billige Kritik, Herr Referendarius?« fragte Doktor Zundler mit ungemein klugem und spöttischem Gesicht.