»Man muß ein Buch,« erwiderte Palvi mit großer Ruhe, »man muß besonders ein Gedicht zuerst nach den Empfindungen beurteilen, die es in uns hervorruft, denn auf Gefühl ist ja ein solches Werk berechnet; es soll angenehm unterhalten, durch den Wechsel freudiger und wehmütiger Szenen befriedigen. Und dann erst, wenn unser Herz darüber entschieden hat, daß das Buch ein solches sei, das unsere Gefühle erhoben, befriedigt hat, dann erst erlaube man dem Verstand, sein Urteil darüber zu fällen, und ihm bleibt es übrig, nachzuweisen, was in Anordnung oder Stil gefehlt ist.«

»Da müßte man am Ende alle Herzen abstimmen lassen,« sagte der Hofrat mitleidig lächelnd, »müßte umherfragen: hat's gefallen oder nicht? ehe man ein öffentliches Urteil fällt. Aber dem ist nicht so; unsere Journale waren es von jeher, denen zu loben oder zu verdammen zustand, und der gebildete, geläuterte Geschmack ist es, der dort richtet.«

»Ueberhaupt dächte ich,« setzte Doktor Zundler mit zärtlichem Seitenblick auf Elisen hinzu, »man kann über Dinge dieser Art in Gesellschaft eine gebildete Dame mit Vergnügen hören, wie schon Goethe im Tasso sagt, aber ein öffentliches Urteil müssen nur Leute vom Fach fällen, und nur Leute vom Fach können dagegen opponieren.«

»Und halten Sie sich etwa für einen Mann vom Fach?« fragte Palvi mit großem Nachdruck.

Der Doktor verbarg seinen Unmut über diese Frage nur mühsam hinter einem lächelnden Gesicht. »Ich denke, die Welt zählt mich zu Deutschlands Dichtern,« sagte er.

»Die Welt,« antwortete der Referendar, »die betrogene Welt, aber nicht ich; so wenig als ich meinen Dekopisten für ein Genie halte.«

Die Gesellschaft fiel aus ihrer Spannung in eine sonderbare Bewegung. Die Damen sahen unmutig auf Palvi, ein Teil der Männer lachte über des Doktors auffallenden Mangel an Fassung, ein anderer Teil mißbilligte laut solche Reden in einer guten Gesellschaft.

»Herr von Palvi,« rief endlich Zundler bebend, man wußte nicht, ob vor Wut oder Schrecken, »wie soll ich Ihre sonderbaren Reden verstehen?«

»Ja, ja, Doktor,« sagte der Stallmeister laut lachend, »auch mit meiner Bewunderung hat es ein Ende; man sagt, Sie haben sich Ihre Gedichte und sonstigen schönen Sachen machen lassen.«