Der alte Herr von Rempen erinnerte sich mehrerer Fälle, wo die feierliche Verlobung gräflicher, sogar fürstlicher Paare gleich den andern oder dritten Tag, nachdem die Werbung angenommen worden, vor sich gegangen war. Er stand daher um so weniger an, seinen Neffen und Elisens Vater zu gleicher Eilfertigkeit zu treiben, als er selbst gleich nach dieser Szene, wobei, seiner Meinung nach, sein Segen notwendig war, auf mehrere Wochen auf das Land gehen wollte. So kam es, daß sich der Stallmeister durch den verhängnisvollen Zug der Umstände in die ruhige Bucht eines schönen, häuslichen Glückes versetzt sah, als er sich kaum noch auf hoher See glaubte oder wenigstens von Klippen träumte, an welchen seine Hoffnung auf immer scheitern könnte. Am Morgen jenes festlichen Tages, der zu seiner Verlobung angesetzt war, brachte ihm ein Knabe einen Brief; die Hand, die ihn geschrieben, war ihm unbekannt. Er öffnete und fand den Namen des Magisters Bunker unterzeichnet. So unangenehm auch die Erinnerungen sein mochten, mit welchen dieser Name in Verbindung stand, so machte doch das Andenken an diesen alten Mann und die wenigen rührenden Worte des Briefes tiefen Eindruck auf ihn. Er bat, der Stallmeister möchte dem Knaben zu ihm folgen; er habe ihm notwendig etwas zu eröffnen und sei selbst zu schwach und angegriffen, als daß er über die Straße gehen könnte. Rempen fürchtete anfangs ein Zusammentreffen mit Palvi. Als aber der Knabe auf seine Frage, ob Herr von Palvi bei dem Alten sei, antwortete: »Ach nein! der ist ganz schnell weggereist und kommt nimmer wieder, und der alte Herr Magister hat geweint wie ein Kind,« nahm er eilends seinen Hut und folgte.

Der Knabe führte ihn durch mehrere Seitenstraßen in einen abgelegenen Teil der Stadt, wo arme Leute und Handwerker wohnten, bis vor ein kleines, aber reinliches Haus. Dort stieg er eine Treppe hinan und öffnete dem Stallmeister eine Türe. Es war ein Zimmer voll Verwirrung und Unordnung, in das sie traten. Papiere und Bücher lagen am Boden zerstreut, und die Trümmer einer Gitarre mischten sich mit ausgeleerten Flaschen und alten Schuhen. Auf den Stühlen lagen Kleidungsstücke, auf dem schlechten Kanapee aber saß, den Kopf in die Hand gestützt, ein Mann, in welchem Rempen den Alten erkannte. Beim Geräusch, das ihr Eintritt verursachte, wandte er den Kopf um und hatte Tränen in den alten Augen.

»Vergeben Sie mir!« sagte er, indem er mit Mühe sich aufraffte. »Meine Füße trugen mich nicht mehr zu Ihnen, und meine Hand zittert – ich mußte meine Botschaft mündlich geben.«

»Was ist vorgegangen!« rief der junge Mann bestürzt. »Sie sind krank, Sie weinen, um wen? Und von wem eine so feierliche Botschaft?«

Der Alte trocknete sich die Augen. »Er hat viel auf Sie gehalten,« sprach er, »noch gestern und vorgestern hat er immer von Ihnen gesprochen und innig bedauert, daß er Sie so spät erst kennen gelernt hat. Sie hätten können herzliche Freunde werden, denn Sie sind keiner von den schuftigen Gesellen, die er verabscheute.«

»Mein Gott, Sie sprechen von Palvi? Wo ist er?«

»Möge ihn ein gütiger Arm vor den Wellen des Flusses bewahrt haben!« erwiderte der Alte sehr ernst; »doch nicht wahr, junger Mann, es gehört größere Kraft dazu, einen Kummer zu tragen, als sich von ihm zerbrechen zu lassen? Nicht wahr? Ich glaube es wenigstens, und er ist eine kräftige Seele, er kann nicht zum Selbstmörder werden.«

Rempen verhüllte sein Gesicht, er konnte den tiefen Gram des Alten nicht länger sehen. Aber dieser zog ihm ängstlich die Hand von den Augen. »O lesen Sie doch,« sagte er; »lesen Sie genau, prüfen Sie jedes Wort, nicht wahr, es steht nichts darin, daß er sich töten wolle?«

Rempen nahm das Blatt; es war in wenigen Worten ein kurzer, aber ergreifender Abschied an den Alten. Er müsse ihn und diese Stadt verlassen, schrieb er. Als Grund gab er nur flüchtig sein unglückliches Verhältnis zu Elisen an, von welchem der Alte völlig unterrichtet schien.