»Ihr meint die Geschichte im Norden?« entgegnete der Bekannte, »habt Ihr Handelsnachrichten, Kommerzienrat? Hat Euch der Minister des Auswärtigen aus alter Freundschaft etwas Näheres gesagt?«
»Ach, geht mir mit Politik und Staatspapieren; meinetwegen mag geschehen, was da will. Nein, ich meine die Geschichte mit der Bianetti.«
»Mit der Sängerin? Wie? Ist sie noch einmal engagiert? Man sagte ja, der Kapellmeister habe sich mit ihr überworfen –«
»Aber um Gottes willen,« rief der Kommerzienrat und blieb staunend stehen; »in welchen Spelunken treibet Ihr Euch umher, daß Ihr nicht wisset, was sich in der Stadt zuträgt? So wisset Ihr nicht, was der Bianetti arrivierte?«
»Kein Wort, auf Ehre! was ist es denn mit ihr?«
»Nun, es ist weiter nichts mit ihr, als daß sie heute nacht totgestochen worden ist.«
Der Kommerzienrat galt unter seinen Bekannten für einen Spaßvogel, der, wenn er morgens von elf bis Mittag seine Promenaden in der breiten Straße machte, die Leute gerne aufhielt und ihnen irgend etwas aus dem Stegreife aufband. Der Bekannte war daher nicht sehr gerührt von dieser Schreckensnachricht, sondern antwortete: »Weiter wisset Ihr also heute nichts, Bolnau? Ihr müßt doch nachgerade mit Eurem Witz zu Rande sein, weil Ihr die Farben so stark auftraget. Wenn Ihr mich übrigens ein andermal wieder stellet in der breiten Straße, so besinnt Euch auf etwas Vernünftigeres, sonst bin ich genötigt, einen Umweg zu machen, wenn ich von der Kanzlei nach Hause gehe.«
»Er glaubt's wieder nicht!« rief der Spaziergänger; »seht nur, er glaubt's wieder nicht! Wenn ich gesagt hätte, der Kaiser von Marokko sei erstochen worden, so hättet Ihr die Nachricht mit Dank eingesteckt und weitergetragen, weil sich dort schon Aehnliches zugetragen hat. Aber wenn eine Sängerin hier in B. totgestochen wird, da will keiner glauben, bis man den Leichenzug sieht. Aber, Freundchen, diesmal ist's wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.«
»Mensch! Bedenket, was Ihr sagt!« rief der Freund mit Entsetzen. »Die Sängerin erstochen? Tot, sagtet Ihr? Die Bianetti totgestochen?«
»Tot war sie vor einer Stunde noch nicht, aber sie liegt in den letzten Zügen, soviel ist gewiß.«