»Geht mir mit der Baruch! Wir haben seit drei Tagen gebrochen, meine Frau sah das Verhältnis nicht gerne, weil jene so hoch spielt. Nein, der Medizinalrat Lange kommt alle Tage um zwölf Uhr durch die breite Straße, um ins Schloß zu gehen, und ich stehe hier auf dem Anstand, um ihn sogleich aufs Korn zu nehmen, wenn er um die Ecke kommt.«

»Da bleibe ich bei Euch,« sprach der Freund, »die Geschichte der Bianetti muß ich genauer hören. Ihr erlaubt es doch, Bolnau?«

»Wertester, geniert Euch ganz und gar nicht,« entgegnete jener; »ich weiß, Ihr speiset um zwölf Uhr, lasset doch die Suppe nicht kalt werden. Ueberdies könnte Lange vor Euch nicht recht mit der Sprache heraus wollen; kommt lieber nach Tisch ins Kaffeehaus, dort sollet Ihr alles hören. – Machet übrigens, daß Ihr fortkommt, dort biegt er schon um die Ecke.«


2.

»Ich halte die Wunde nicht für absolut tödlich,« sprach der Medizinalrat Lange nach den ersten Begrüßungen; »der Stoß scheint nicht sicher geführt worden zu sein. Sie ist schon wieder ganz bei Besinnung, und die Schwäche abgerechnet, die der große Blutverlust verursachte, ist in diesem Augenblick wenigstens keine Spur von Gefahr.«

»Das freut mich,« erwiderte der Kommerzienrat und schob vertraulich seinen Arm in den des Doktors; »ich begleite Ihn noch die paar Straßen bis ans Schloß; aber sag' Er mir doch ums Himmels willen etwas Näheres über diese Geschichte; man kann ja gar nicht ins klare kommen, wie sich alles zugetragen.«

»Ich kann Ihm schwören,« antwortete jener, »es liegt ein furchtbares Dunkel über der Sache. Ich war kaum eingeschlafen, so weckt mich mein Johann mit der Nachricht, man verlange mich zu einem sehr gefährlichen Kranken. Ich warf mich in die Kleider, renne hinaus, im Vorsaal steht ein Mädchen, bleich und zitternd, und flüstert so leise, daß ich es kaum hörte, ich soll mein Verbandzeug zu mir stecken. Schon das fällt mir auf; ich werfe mich in den Wagen, lasse die bleiche Mamsell auf den Bock zu Johann sitzen, daß sie den Weg zeige, und fort geht es bis in den Lindenhof. Ich steige vor einem kleinen Hause ab und frage die Mamsell, wer denn der Kranke sei?«

»Ich kann mir denken, wie Er staunte –«

»Wie ich staunte, als ich hörte, es ist Signora Bianetti! Ich kannte sie zwar nur vom Theater, hatte sie sonst kaum zwei-, dreimal gesehen, aber die geheimnisvolle Art, wie ich zu ihr gerufen wurde, das Verbandzeug, das ich zu mir stecken sollte, ich gestehe Ihm, ich war sehr gespannt, was der Sängerin zugestoßen sein sollte. Es ging eine kurze Treppe hinan, eine schmale Hausflur entlang. Das Mädchen ging voran, ließ mich einige Augenblicke im Dunkeln warten und kam mir dann schluchzend und noch bleicher als zuvor entgegen. ›Treten Sie ein, Herr Doktor,‹ sagte sie, ›ach! Sie werden zu spät kommen, sie wird's nicht überleben.‹ Ich trat ein, es war ein schrecklicher Anblick.«