Der Medizinalrat schwieg sinnend und düster, es schien sich ein Bild vor seine Seele zu drängen, das er umsonst abzuwehren suchte. »Nun, was sah Er?« rief sein Begleiter, ungeduldig über diese Unterbrechung. »Er wird mich doch nicht so zwischen Türe und Angel stehen lassen wollen?«
»Es ist mir manches in meinem Leben begegnet,« fuhr der Doktor fort, nachdem er sich gesammelt hatte, »manches, wovor mir graute, manches, das mich erschreckte, aber nichts, was mir das Herz so in der Brust umdrehte wie dieser Anblick. In einem matt erleuchteten Zimmer lag ein bleiches, junges Weib auf dem Sofa, vor ihr kniete eine alte Magd und preßte ihr ein Tuch auf das Herz. Ich trat näher; weiß und starr wie eine Büste lag der Kopf der Sterbenden zurück, die schwarzen, herabfallenden Haare, die dunkeln Brauen und Wimpern der geschlossenen Augen bildeten einen schrecklichen Kontrast mit der glänzenden Blässe der Stirn, des Gesichtes, des schönen Halses. Die weißen faltenreichen Gewänder, die wohl zu ihrer Maske gehört hatten, waren von Blut überströmt, Blut auf dem Fußboden, und von dem Herzen schien der rote Strom auszugehen. – Dies alles stellte sich mir in einem Augenblick dar – es war Bianetti, die Sängerin.«
»O Gott, wie mich das rührt!« sprach der Kommerzienrat bewegt und zog ein langes, seidenes Tuch hervor, um sich die Augen zu wischen; »gerade so lag sie noch letzten Sonntag vor acht Tagen in der Oper Othello da, als sie die Desdemona spielte. Schon damals war der Effekt so grausam wahr und wahrhaft greulich, daß man meinte, der Mohr habe sie in der Tat erdolcht; und jetzt ist es wirklich so weit mit ihr gekommen! Wie mich das rührt!«
»Habe ich Ihm nicht jede übermäßige Rührung verboten?« unterbrach ihn der Arzt. »Will Er mit Gewalt wieder seine Zufälle bekommen?«
»Er hat recht,« sagte der Kommerzienrat Bolnau und fuhr schnell mit dem Tuch in die Tasche; »Er hat recht; meine Konstitution ist nicht für den Affekt. Erzähl' Er nur weiter, ich werde die Tafelscheiben am Kriegsministerio im Vorbeigehen zählen, das hilft gegen solche Anfälle.«
»Zähl' Er nur, und wenn es nicht hilft, so kann Er auch noch den oberen Stock des Palais mitnehmen. – Die alte Magd nahm das Tuch weg, und mit Erstaunen erblickte ich eine Wunde, wie von einem Messerstich, die dem Herzen sehr nahe war. Es war nicht Zeit, mich mit Fragen aufzuhalten, so viele derselben mir auch auf der Zunge schwebten, ich untersuchte die Wunde und legte den Verband um. Die Verwundete hatte während der ganzen Operation kein Zeichen von Leben gezeigt; nur, als ich die Wunde sondierte, hatte sie schmerzlich zusammengezuckt. Ich ließ sie ruhen und bewachte ihren Schlummer.«
»Aber das Mädchen und die alte Magd, hat Er denn diese nicht gefragt, woher die Wunde rühre?«
»Ich will es Ihm nur gestehen, Kommerzienrat, weil Er mein alter Freund ist; ja, als für die Kranke im Augenblicke nichts mehr zu tun war, habe ich ihnen rund genug erklärt, daß ich weiter keine Hand mehr an die Dame legen werde, wenn sie mir nicht alles beichten.«
»Und was sagten sie? So sprech Er doch!«
»Nach elf Uhr war die Sängerin zu Hause gekommen, und zwar von einer großen männlichen Maske begleitet. – Ich mochte bei dieser Nachricht die beiden Weiber etwas sehr zweideutig angesehen haben, denn sie fingen aufs neue an zu weinen und beteuerten mir mit den außerordentlichsten Schwüren, ich solle doch nichts Schlechtes von ihrer Herrschaft denken; es sei die lange Zeit, seit sie ihr dienen, nie nach vier Uhr abends ein Mann über ihre Schwelle gekommen; das kleinere Mädchen, das wohl Romane mußte gelesen haben, wollte sogar behaupten, Signora sei ein Engel an Reinheit.«