»Das behaupte ich auch,« sagte der Kommerzienrat, indem er gerührt die Scheiben des Palais, dem sie sich näherten, zu zählen anfing; »das sage ich auch; der Bianetti kann man nichts Böses nachsagen, sie ist ein liebes, frommes Kind, und was kann sie denn dafür, daß sie schön ist und ihr Leben durch Gesang fristen muß?«

»Glaub' Er mir,« entgegnete Lange, »ein Arzt hat hierin einen untrüglichen psychologischen Maßstab. Ein Blick auf die engelreinen Züge des unglücklichen Mädchens überzeugte mich mehr von ihrer Tugend als die Schwüre ihrer Zofen. Doch höre Er weiter: Die Sängerin trat mit dem Fremden in dieses Zimmer und hieß ihr Mädchen hinausgehen. Diese war vielleicht aus Neugierde, was wohl dieser nächtliche Besuch zu bedeuten habe, der Türe nahe geblieben; sie hörte einen heftigen Wortwechsel, der zwischen ihrer Dame und einer tiefen, hohlen Männerstimme in französischer Sprache geführt wurde; Signora sei endlich in heftiges Weinen ausgebrochen, der Mann habe schrecklich geflucht; plötzlich hörte sie ihre Dame einen gellenden Schrei ausstoßen, sie kann sich vor Angst nicht mehr zurückhalten, reißt die Türe auf, und in demselben Augenblicke fährt die Maske an ihr vorbei und durch den Gang an die Treppe. Sie folgt ihr einige Schritte, vor der Treppe hört sie ein schreckliches Gepolter, er mußte hinuntergestürzt sein. Von unten dringt ein Aechzen und Stöhnen herauf wie das eines Sterbenden, aber es graut ihr, sie wagt keinen Schritt weiter vorzugehen. Sie geht zurück in die Türe – die Sängerin liegt in ihrem Blute und schließt nach wenigen Augenblicken die Augen. Das Mädchen weiß sich nicht zu raten, sie weckt die alte Magd, ihrer Herrschaft einstweilen beizustehen, und springt zu mir, um vielleicht Signora noch zu retten.«

»Und die Bianetti hat noch nichts geäußert? Hat Er sie nicht befragt?«

»Ich ging sogleich auf die Polizei und weckte den Direktor; er ließ noch um Mitternacht alle Gasthöfe, alle Gassenkneipen, alle Winkel der Stadt durchsuchen, aus dem Tore ist in jener Stunde niemand passiert, und von jetzt an wird jedermann strenge untersucht. Die Hausleute, die im oberen Stock wohnen, erfuhren die ganze Sache erst, als die Polizei das Haus durchsuchte; unbegreiflich war es, wie der Mörder entspringen konnte, da er durch seinen Fall hart beschädigt sein mußte, denn man fand viel Blut unten an der Treppe, und es ist mir nicht unwahrscheinlich, daß er sich im Falle durch seinen eigenen Dolch verwundet hat. Es ist um so unbegreiflicher, wie er entkam, da die Haustüre verschlossen war. Die Bianetti selbst erwachte um zehn Uhr und gab dem Polizeidirektor zu Protokoll, daß sie im strengsten Sinne nicht wisse, auch nicht einmal ahne, wer die Maske sein könne. Alle Aerzte und Chirurgen sind verpflichtet, wenn sie zu einem Patienten, der durch einen Fall oder eine Messerwunde lädiert ist, gerufen werden, solches anzuzeigen, weil man vielleicht auf diesem Wege dem Mörder auf die Spur kommen könnte. So stehen die Sachen. Ich bin aber überzeugt wie von meinem Leben, daß ein tiefes Geheimnis zu Grunde liegt, das die Sängerin nicht entdecken will; denn die Bianetti ist nicht die Person, die sich von einem ihr völlig unbekannten Mann nach Hause begleiten läßt. Das scheint auch ihr Mädchen, das beim Verhör zugegen war, zu ahnen. Denn als sie sah, daß Signora nichts wissen wolle, gab sie nichts von dem Wortwechsel an, den sie gehört hatte, mir aber warf sie einen bittenden Blick zu, sie nicht zu verraten. ›Es ist eine entsetzliche Geschichte,‹ sagte sie, als sie mich nachher zur Treppe begleitete, ›aber keine Welt brächte mich dazu, etwas zu verraten, was Signora nicht bekannt werden lassen will.‹ Sie gestand mir noch etwas, das vielleicht auf die ganze Sache Licht verbreiten würde.«

»Nun, und darf ich diesen Umstand nicht auch wissen?« fragte der Kommerzienrat; »Er sieht, wie ich gespannt bin; spann' Er ab, spann' Er ab, um Gottes willen, ich könnte sonst leicht meine Zufälle bekommen!«

»Höre Er, Bolnau, besinn Er sich, lebt noch ein Bolnau außer Ihm in dieser Stadt? Existiert noch irgend ein anderer in der Welt, und wo, sag' Er, wo?«

»Außer mir keine Seele in dieser Stadt,« antwortete Bolnau; »als ich vor acht Jahren hieher zog, freute es mich, daß ich nicht Schwarz, Weiß oder Braun, nicht Meier, Müller oder Bauer heiße, weil damit allerlei unangenehme Verwechselungen geschehen. In Kassel war ich der einzige Mann in meiner Familie, und sonst gibt es auf Gottes Erdboden keinen Bolnau mehr als meinen Sohn, den unglücklichen Musiknarren, der ist verschollen, seit er nach Amerika segelte. Aber warum fragt Er nach meinem Namen, Doktor?«

»Nun, Er kann es nicht sein, Kommerzienrat, und Sein Sohn ist in Amerika. Aber es ist schon ein Viertel über zwölf Uhr, Prinzeß Sophie ist krank, ich habe mich nur zu lang mit Euch verschwatzt; lebt wohl, à revoir

»Nicht von der Stelle,« rief Bolnau und hielt ihn fest am Arm, »sagt mir zuvor, was das Mädchen noch gesagt hat.«