4.

Als gegen Abend der Medizinalrat Lange zu seiner Kranken kam, fand er sie um vieles besser, als er sich gedacht hatte. Er setzte sich an ihrem Bette nieder und besprach sich mit ihr über diesen unglücklichen Vorfall. Sie hatte ihren Arm auf die Kissen gestützt, in der zartgeformten Hand lag ihr schöner Kopf. Ihr Gesicht war noch sehr bleich, aber selbst die Erschöpfung ihrer Kräfte schien ihr einen eigentümlichen Reiz zu geben. Ihr dunkles Auge hatte nichts von jenem Feuer, jenem Ausdruck verloren, der den Doktor, obgleich er ein bedächtiger Mann und nicht mehr in den Jahren war, wo Phantasie der Schönheit zu Hilfe kommt, schon früher von der Bühne aus angezogen hatte. Er mußte sich gestehen, daß er selten einen so schönen Kopf, ein so liebliches Gesicht gesehen hatte; ihre Züge waren nichts weniger als regelmäßig, und dennoch übten sie durch ihre Verbindung und Harmonie einen Zauber aus, für welchen er lange keinen Grund wußte; doch dem psychologischen Blicke des Medizinalrates blieb dieser Grund nicht verborgen; es war jene Reinheit der Seele, jener Adel der Natur, was diese jungfräulichen Züge mit einem überraschenden Glanz von Schönheit übergoß. »Es scheint, Sie studieren meine Züge, Doktor,« sprach die Sängerin lächelnd; »Sie sitzen so stumm und sinnend da, starren mich an und scheinen ganz zu vergessen, was ich fragte. Oder ist es zu schrecklich, als daß ich es hören sollte? Darf ich nicht erfahren, was die Stadt über mein Unglück sagt?«

»Was wollen Sie alle diese törichten Vermutungen hören, die müßige Menschen erfinden und weitersagen? Ich habe eben darüber nachgedacht, wie rein sich Ihre Seele auf Ihren Zügen spiegle; Sie haben Frieden in sich, was kümmert Sie das Urteil der Menschen?«

»Sie weichen mir aus,« entgegnete sie, »Sie wollen mir entschlüpfen, indem Sie mir schöne Dinge sagen. Und mich sollte das Urteil der Menschen nicht kümmern? Welches rechtliche Mädchen darf sich so über die Gesellschaft, in welcher sie lebt, hinwegsetzen, daß es ihr gleich gilt, was man von ihr spricht? Oder glauben Sie etwa,« setzte sie ernster hinzu, »ich werde nichts danach fragen, weil ich einem Stand angehöre, dem man nicht viel Gutes zutraut? Gestehen Sie nur, Sie halten mich für recht leichtsinnig.«

»Nein, gewiß nicht; ich habe immer nur Schönes von Ihnen gehört, Mademoiselle Bianetti, von Ihrem stillen, eingezogenen Leben, und daß Sie mit sicherer Haltung in der Welt stehen, obgleich Sie so einsam und mancher Kabale ausgesetzt sind. Aber warum wollen Sie gerade wissen, was die Menschen sagen? Wenn ich nun als Arzt solche Neuigkeiten nicht für zuträglich hielt?«

»Bitte, Doktor, bitte, foltern Sie mich nicht so lange,« rief sie; »sehen Sie, ich lese in Ihren Augen, daß man nicht gut von mir spricht. Warum mich in Ungewißheit lassen, die gefährlicher für die Ruhe ist als die Wahrheit selbst?«

Diesen letzten Grund fand der Medizinalrat sehr richtig; und konnte in seiner Abwesenheit nicht irgend eine geschwätzige Frau sich eindrängen und noch Aergeres berichten, als er sagen konnte? »Sie kennen die hiesigen Leute,« antwortete er, »B. ist zwar ziemlich groß, aber, du lieber Gott, bei einer Neuigkeit derart zeigt es sich, wie kleinstädtisch man ist. Es ist wahr, Sie sind das Gespräch der Stadt, dies kann Sie nicht wundern, und weil man nichts Bestimmtes weiß, so – nun so macht man sich allerhand seltsame Geschichten. So soll z. B. die männliche Maske, die man auf der Redoute mit Ihnen sprechen sah und die ohne Zweifel dieselbe ist, welche diese Tat beging, ein –«

»Nun, so reden Sie doch aus,« bat die Sängerin in großer Spannung, »vollenden Sie!«

»Es soll ein früherer Liebhaber gewesen sein, der Sie in – in einer andern Stadt geliebt hat und aus Eifersucht umbringen wollte.«