»Von mir das! O, ich Unglückliche!« rief sie schmerzlich bewegt, und Tränen glänzten in ihren schönen Augen; »wie hart sind doch die Menschen gegen ein so armes, armes Mädchen, das ohne Schutz und Hilfe ist! Aber reden Sie aus, Doktor, ich beschwöre Sie! Es ist noch etwas anderes zurück, das Sie mir nicht sagten. In welcher Stadt, sagen die Leute, soll ich –«
»Signora, ich hätte Ihnen mehr Kraft zugetraut,« sprach Lange, besorgt über die Bewegung seiner Kranken. »Wahrlich, ich bereue es, nur so viel gesagt zu haben; ich hätte es nie getan, wenn ich nicht fürchtete, daß andere mir unberufen zuvorkämen.«
Die Sängerin trocknete schnell ihre Tränen; »ich will ruhig sein,« sagte sie wehmütig lächelnd, »ruhig will ich sein wie ein Kind; ich will fröhlich sein, als hätten mir diese Menschen, die mich jetzt verdammen, ein tausendstimmiges Bravo zugerufen. Nur erzählen Sie weiter, lieber, guter Doktor!«
»Nun, die Leute schwatzen dummes Zeug,« fuhr jener ärgerlich fort. »So soll, als Sie letzthin im Othello auftraten, in einer der ersten Ranglogen ein fremder Graf gewesen sein; dieser will Sie erkannt und vor etwa zwei Jahren in Paris in einem schlechten Hause gesehen haben. – Aber, mein Gott, Sie werden immer blässer –«
»Es ist nichts, der Schein der Lampe fiel nur etwas matter herüber, weiter, weiter!«
»Nun, dieses Gerede blieb von Anfang nur in den ersten Zirkeln, nach und nach kam es aber ins Publikum, und da dieser Vorfall hinzukommt, verbindet man beides und versetzt das frühere Verhältnis zu Ihrem Mörder in jenes berüchtigte Haus in Paris.«
Auf den ausdrucksvollen Zügen der Kranken hatte während dieser Rede die tiefste Blässe mit flammender Röte gewechselt. Sie hatte sich höher aufgerichtet, als solle ihr kein Wort dieser schrecklichen Kunde entgehen, ihr Auge haftete starr und brennend auf dem Mund des Arztes, sie atmete kaum, ihr Herz schien stillzustehen. »Jetzt ist's aus,« rief sie mit einem schmerzlichen Blick zum Himmel, indem Tränen ihrem Auge entstürzten, »jetzt ist es aus, wenn er dies hörte, so war es zuviel für seine Eifersucht. Warum bin ich nicht gestern gestorben, ach! da hätte ich meinen guten Vater gehabt, und meine süße Mutter hätte mich getröstet über den Hohn dieser grausamen Menschen!«
Der Doktor staunte über diese rätselhaften Worte; er wollte eben ein tröstendes, besänftigendes Wort zu ihr sprechen, als die Türe mit Geräusch aufflog und ein großer, junger Mann hereinfuhr. Sein Gesicht war auffallend schön, aber ein wilder Trotz verfinsterte seine Züge, sein Auge rollte, sein Haar hing verwildert um die Stirne. Er hatte ein großes zusammengerolltes Notenblatt in der Faust, mit welchem er in der Luft herumfuhr und gleichsam agierte, ehe er Atem zum Sprechen fand. Bei seinem Anblick schrie die Sängerin laut auf, der Doktor glaubte anfangs, aus Angst, aber es war Freude, denn ein holdes Lächeln zog um ihren Mund, ihr Auge glänzte ihm durch Tränen entgegen. »Carlo!« rief sie, »Carlo! Endlich kommst du, nach mir zu sehen!«
»Elende!« rief der junge Mann, indem er majestätisch den Arm mit der langen Notenrolle nach ihr ausstreckte. »Laß ab von deinem Sirenengesang, ich komme – dich zu richten!«