»O Carlo!« unterbrach ihn die Sängerin, und ihre Töne klangen schmelzend und süß wie die Klänge der Flöte. »Wie kannst du so zu deiner Giuseppa sprechen!«

Der junge Mann wollte mit tragischem Pathos antworten, aber der Doktor, dem dieser Auftritt für seine Kranke zu angreifend schien, warf sich dazwischen. »Wertester Herr Carlo,« sagte er, indem er ihm eine Prise bot, »belieben Sie zu bedenken, daß Mademoiselle in einem Zustand ist, wo solche Szenen allzusehr ihre schwachen Nerven affizieren!«

Jener schaute ihn groß an und wandte die Notenrolle gegen ihn. »Wer bist du, Erdenwurm?« rief er mit tiefer, dröhnender Stimme. »Wer bist du, daß du dich zwischen mich stellst und meinen Zorn?«

»Ich bin der Medizinalrat Lange,« entgegnete dieser und schlug die Dose zu, »und in meinen Titeln befindet sich nichts von einem Erdenwurme. Ich bin hier Herr und Meister, solange Signora krank ist, und ich sage Ihnen im guten, packen Sie sich hinaus, oder modulieren Sie Ihr Presto assai zu einem anständigen Larghetto

»O, lassen Sie ihn doch, Doktor,« rief die Kranke ängstlich, »lassen Sie ihn doch, bringen Sie ihn nicht auf! Er ist mein Freund, Carlo wird mir nichts Böses tun, was ihm auch die schlechten Menschen wieder von mir gesagt haben.«

»Ha! Du wagst es noch zu spotten! Aber wisse, ein Blitzstrahl hat die Tore deines Geheimnisses gesprengt und hat die Nacht erhellt, in welcher ich wandelte. Also darum sollte ich nicht wissen, was du warst, woher du kamst? Darum verschlossest du mir den Mund mit deinen Küssen, wenn ich nach deinem Leben fragte? Ich Tor! Daß ich von einer Weiberstimme mich bezaubern ließ und nicht bedachte, daß sie nur Trug und Lug ist! Nur im Gesang des Mannes wohnt Kraft und Wahrheit. Ciel! Wie konnte ich mich von den Rouladen einer Dirne betören lassen!«

»O Carlo,« flüsterte die Kranke, »wenn du wüßtest, wie deine Worte mein Herz verwunden, wie dein schrecklicher Verdacht noch tiefer dringt als der Stahl des Mörders!«

»Nicht wahr, Täubchen,« schrie jener mit schrecklichem Lachen, »deine Amorosi sollten blind sein, da wäre gut mit ihnen spielen? Der Pariser muß doch ein wackerer Kerl sein, daß er endlich doch noch das fromme Täubchen fand!«

»Jetzt aber wird es mir doch zu bunt, Herr,« rief der Doktor und packte den Rasenden am Rock; »auf der Stelle marschier' Er sich zu dem Zimmer hinaus, sonst werde ich die Hausleute rufen, daß sie Ihn expedieren!«

»Ich gehe schon, Erdenwurm, ich gehe,« schrie jener und stieß den Medizinalrat zurück, daß er ganz bequem in einem Fauteuil niedersaß; »ja ich gehe, Giuseppa, um nimmer wiederzukehren. Lebe wohl oder stirb lieber, Unglückliche, verbirg deine Schmach unter der Erde. Aber jenseits verbirg deine Seele an einem Ort, wo ich dir nie begegnen möge; ich würde der Seligkeit fluchen, wenn ich sie mit dir teilte, weil du mich hier so schändlich um meine Liebe, um mein Leben betrogen.« Er rief es, indem er noch etwas weniges mit den Noten agierte, aber sein wildes, rollendes Auge schmolz in Tränen, als er den letzten Blick auf die Geliebte warf, und schluchzend rannte er aus dem Zimmer.