»Und sie kamen?« rief der Herzog. »Die Ehrvergessenen kamen?«

»Auf dem Schloßberg vor dem äußersten Graben ist ein Platz, dort sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach, hinüber an die Alb und Zollern, und viele Burgen schmücken die Aussicht. Dorthin ließen sie einen Tisch bringen und Bänke, und die Bundesobersten setzten sich zum Wein. Dann ging das Tor von Hohen-Tübingen auf, die Brücke fiel über den Graben, und Ludwig von Stadion mit noch sechs anderen kamen über die Brücke; sie brachten Eure silbernen Deckelkrüge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren alten Wein, sie grüßten die Feinde mit Gruß und Handschlag und setzten sich, besprachen sich mit ihnen beim kühlen Wein.«

»Der Teufel gesegne es ihnen allen!«[36] unterbrach ihn der Ritter von Lichtenstein und schüttete seinen Becher aus. Der Herzog aber lächelte schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink, fortzufahren.

»So taten sie sich gütlich bis in die Nacht und zechten, bis sie rote Köpfe bekamen und taumelten; ich stand nicht ferne, und keine ihrer verräterischen Reden entging mir. Als sie aufbrachen, nahm der Truchseß den Stadion bei der Hand: ›Herr Bruder,‹ sagte er, ›in Eurem Keller ist ein guter Wein, lasset uns bald ein, daß wir ihn trinken.‹ Jener aber lachte darüber, schüttelte ihm die Hand und sagte: ›Kommt Zeit, kommt Rat.‹ Wie ich nun sah, daß die Sachen also stehen, beschloß ich mit Gott, mein Leben dran zu setzen und in die Burg zu den Verrätern zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der kleinere unterirdische Gang beginnt. Ungesehen stieg ich hinab und drang bis in die Mitte. Dort hatten sie das Fallgatter herabgelassen und einen Knecht hingestellt, er legte an auf mich, als er mich durch die Finsternis kommen hörte, und fragte nach der Losung. Ich sprach, wie Ihr befohlen, das Losungswort Eures tapfern Ahnherrn, Eberhards im Bart: »Atempto;« der Kerl machte große Augen, zog aber das Gatter auf und ließ mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes weiter vor und kam heraus im Keller. Ich schöpfte einige Augenblicke Luft, denn der Atem war mir schier ausgeblieben in dem engen Gang.«

»Armer Marx! geh, trink einen Becher, das Reden wird dir schwer,« sagte Ulrich. Willig befolgte jener das gütige Geheiß seines Fürsten und sprach dann mit frischer Stimme weiter: »Im Keller hörte ich viele Stimmen, und es war mir, als zanke man sich. Ich ging den Stimmen nach und sah eine ganze Schar der Besatzung vor dem großen Faß sitzen und trinken. Es waren einige von Stadions Partei und Hewen und mehrere der Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und große Humpen vor sich; es sah schauerlich aus, fast wie das Femgericht. Ich barg mich in ihrer Nähe hinter ein Faß und hörte, was sie sprachen. Georg von Hewen sprach mit rührenden Worten zu ihnen und stellte ihnen ihre Untreue vor; er sagte, wie sie ja gar nicht nötig haben, sich zu ergeben, wie sie auf lange mit Vorräten versehen seien, wie Euer Durchlaucht ein Heer sammeln werden, Tübingen zu entsetzen, wie eher die Belagerer in Not kommen als sie.«

»Ha! wackerer Hewen; und was gaben sie zur Antwort?«

»Sie lachten und tranken. ›Da hat es eine gute Weile, bis der ein Heer sammelt! Wo das Geld hernehmen, und nicht stehlen?‹ sagte einer; Hewen aber fuhr fort und sagte, wenn es auch nicht so bald möglich sei, so müßten sie sich doch halten bis auf den letzten Mann, wie sie Euch zugeschworen, sonst handeln sie als Verräter an ihrem Herrn. Da lachten sie wieder und tranken und sagten: ›Wer will auftreten und uns Verräter nennen?‹ Da rief ich hinter meinem Faß hervor: ›Ich, ihr Buben! Ihr seid Verräter am Herzog und am Land!‹ Alle waren erschrocken, der Stadion ließ seinen Becher fallen, ich aber trat hervor, nahm meine Kappe ab und den falschen Bart, stellte mich hin und zog Euren Brief aus dem Wams. ›Hier ist ein Brief von Eurem Herzog,‹ sagte ich, ›er will, ihr sollet euch nicht übergeben, sondern zu ihm halten; er selbst will kommen und mit euch siegen oder in diesen Mauern sterben.‹«

»O Tübingen!« sagte der Herzog mit Seufzen, »wie töricht war ich, daß ich dich verließ! Zwei Finger meiner Linken gäbe ich um dich; was sage ich, zwei Finger? Die Rechte ließ ich mir abhauen, könnte ich dich damit erkaufen, und mit der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen! Und gaben sie nichts, gar nichts auf meine Worte?«

»Die Falschen sahen mich finster an und schienen nicht recht zu wissen, was sie tun sollten. Hewen aber vermahnte sie nochmals. Da sagte Ludwig von Stadion, ich komme schon zu spät. Achtundzwanzig der Ritterschaft wollen sich der Fehde mit dem Bunde begeben und den Herzog solche allein ausmachen lassen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land, so wollen sie getreulich zu ihm stehen, aber aufs ungewisse wollen sie den Krieg nicht fortführen, denn ihre Burgen und Güter werden so lange beschädigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den Bund dienen. Ich verlangte nun, sie sollen mich hinaufführen in den Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht Männer da seien, das Schloß zu halten, ich zählte auf, wen ich noch für treu halte, die Nippenburg, die Gültlingen, die Ow, die beiden Berlichingen, die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling, Reischach, Welwart, Kaltental, – der von Hewen aber schüttelte den Kopf und sagte, ich habe mich in manchem geirrt.«

»Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen, hast du sie nicht gesehen?«