»O ja, sie saßen im Keller beim Stadion und tranken Euren Wein. Hinauf wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst Freiberg und Heideck, die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten, die zwei Parteien seien ohnedies schon schwierig gegeneinander, der Stadion habe die Mehrzahl für sich und auch den größten Teil der Knechte. Wenn ich hinaufgehe, komme es im Schloßhof und im Rittersaal zum Kampfe, und es bleibe ihnen, als den Geringeren, nichts übrig, als zu sterben. So gerne sie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwenden, so wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen, als von ihren Landsleuten und Waffenbrüdern totgeschlagen werden. Da blieb mir nichts übrig, als sie zu bitten, sie möchten sich des Prinzen Christoph und Eures zarten Töchterleins annehmen und ihnen das Schloß bei der Uebergabe erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und zuckten die Achsel, ich aber gab den Verrätern meinen Fluch als Christ und Ritter, sagte fünf von ihnen auf und lud sie zum Kampf auf Leben und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei, dann wandte ich mich und ging auf demselben Wege aus der Burg, wie ich gekommen war.«
»Herr Gott im Himmel! hätte ich dies für möglich gehalten!« rief Lichtenstein. »Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste Burg, und sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch in späten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen, und wie sie ihr Fürstenhaus im Stich gelassen; das Sprichwort: ›Treu und ehrlich wie ein Württemberger‹, ist zum Hohn geworden!«
»Wohl konnte man einst sagen, treu wie ein Württemberger,« sprach der Herzog Ulrich, und eine Träne fiel in seinen Bart. »Als mein Ahnherr Eberhard einst hinabritt gen Worms und mit den Kurfürsten, Grafen und Herren zu Tische saß, da sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug ihrer Länder. Der eine rühmte seinen Wein, der andere sprach von seiner Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen in seinen Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. ›Von Euren Schätzen weiß ich nichts aufzuweisen,‹ sagte er, ›doch gehe ich abends durch den dunkelsten Wald, und komm' ich nachts durch die Berge und bin müd' und matt, so ist ein treuer Württemberger bald zur Hand, ich grüße ihn und leg' mich in seinen Schoß und schlafe ruhig ein.‹ Des wunderten sich alle und staunten und riefen: ›Graf Eberhard hat recht,‹ und ließen treue Württemberger leben. Geht jetzt der Herzog durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot, und leg' ich meine Treuen in die Burgen, kaum wende ich den Rücken, so handeln sie mit dem Feind. Die Treue soll der Kuckuck holen; – doch fahre fort, gib mir den Kelch bis auf die Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne Furcht den Grund zu sehen.«
»Nun, daß ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tübingen auf, bis ich Gewißheit bekäme wegen der Uebergabe. Gestern, am Ostermontag, sind sie zusammengekommen; sie haben die Pakten schriftlich aufgesetzt und nachher durch den Herold auf den Straßen ausrufen lassen; um fünf Uhr abends haben sie das Schloß übergeben. Ihr seid der Regierung förmlich entsetzt. Prinz Christoph, Euer Söhnlein, behält Schloß und Amt Tübingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Vormundschaft, und in das übrige, heißt es, werden sich die Herren teilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt, aber so wahr mir Gott gnädig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war nie so groß als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Württembergs Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah!«
So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war während seiner Erzählung völlig heraufgekommen, auch an den äußersten Bergen war der Nebel gefallen, und was um die fernen Höhen von Asperg zog, war ein Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing und die Gegenden, über welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Lichte durchschimmern ließ. Angetan mit dem sanften Grün der Saaten, mit den dunkleren Farben der Wälder, geschmückt mit freundlichen Dörfern, mit glänzenden Burgen und Städten lag Württemberg in seiner Morgenpracht. Sein unglücklicher Fürst überschaute es mit trüben Blicken. Die Natur hatte ihm einen festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend nicht zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte er seine Empfindungen mit, und wenn ein großes Unglück über ihn kam, pflegte er zu schweigen und zu handeln.
Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten festen Burg seine letzte Hoffnung gefallen war, verschloß er einen großen Schmerz in einer tapferen Brust. Wer stand je an dem Sarg einer Mutter und fühlte nicht, wenn er den letzten Blick auf die teuren, bleichen Züge, auf den verstummten Mund warf, bittere Empfindungen in sich aufsteigen? Es ist die Reue, was in solchen Augenblicken den Menschen übermannt. Man erinnert sich, wie unendlich viel sie für uns getan, wie sie uns als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu schwer ward, das sie dem Jüngling nicht gebracht hätte. Und wie haben wir vergolten? wir waren gleichgültig gegen so viele rührende Liebe, wir glaubten, es müsse nun einmal so sein, wir waren sogar undankbar und murrten, wenn nicht alle unsere Wünsche schnell erfüllt wurden, wir verpraßten ihr Gut und achteten nicht auf ihre stillen Tränen.
Jetzt, wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo dieses Ohr auf immer verschlossen ist, das nur auf unsere Wünsche lauschte, wo diese Hände unseren letzten Druck nicht mehr fühlen, diese Hände, die uns mühsam nährten: jetzt bestürmen alle jene Gefühle von Reue, Dankbarkeit, Liebe unsere Brust, deren eines hingereicht hätte in den vorigen Tagen, sie glücklich zu machen!
Ein ähnliches Gefühl der Reue war es, was drückend auf der Brust Ulrichs von Württemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das auf ewig für ihn verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im Gewühle eines prächtigen Hofes und betäubt von den Einflüsterungen falscher Freunde verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglück allein, was ihn beschäftigte, sondern auch der Jammer des okkupierten Landes.
Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu seinen Freunden wandte, staunten sie über den Ausdruck seiner Züge. Sie hatten erwartet, Zorn und Grimm über den Verrat seiner Edlen auf seiner Stirne, in seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rührung, ein stiller großer Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab, den sie nie an ihm gekannt hatten.
»Marx! Wie verfahren sie gegen das Landvolk?« fragte er.