Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen Kindes lächelnd zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen.

»Sag' mir, wo bin ich? Wie kam ich hierher?« fragte Georg. »Wem gehört dieses Haus, worin ich, mir scheint, aus einem langen Schlaf erwacht bin?«

»Sind Er wieder ganz bei Uich?« rief das Mädchen, indem sie vor Freude die Hände zusammenschlug. »Ach, Herr Jeses, wer hett' es denkt? Er gucket oin doch au wieder g'scheit an und et so duselig, daß oims ällemol angst und bang wora ist.«

»Ich war also krank?« forschte Georg, der das Idiom des Mädchens nur zum Teil verstand. »Ich lag einige Stunden ohne Bewußtsein?«

»Ei, wie schwätzet Er doch!« kicherte das hübsche Schwabenkind und nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen zu verbeißen: »a paar Stund' saget Er? Heit nacht wird's g'rad nei Tag, da se Uich brocht hent.«

Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage, ohne zu Marien zu kommen! Zu Marien? Mit diesem himmlischen Bilde kehrte wie mit einem Schlage seine Erinnerung wieder; er erinnerte sich, daß er vom Bunde sich losgesagt; daß er sich entschlossen habe, nach Lichtenstein zu reisen, daß er über die Alb auf geheimen Wegen gezogen sei, daß – er und sein Führer überfallen, vielleicht gefangen wurden. »Gefangen?« rief er schmerzlich. »Sage, Mädchen, bin ich gefangen?«

Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen Züge ernst, beinahe wild wurden; sie glaubte, er falle in jenen schrecklichen Zustand zurück, wo er, vom Wundfieber hart angefallen, einige Stunden lang gerast hatte, und der schwermütige Ton seiner Frage konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlüssig, ob sie bleiben oder um Hilfe rufen sollte, trat sie einen Schritt zurück.

Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die Bestätigung seiner Frage zu lesen. »Gefangen, vielleicht auf lange, lange Zeit,« dachte er, »vielleicht weit von ihr entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!« Sein Körper war noch zu erschöpft, als daß er der trauernden Seele widerstanden hätte; eine Träne stahl sich aus dem gesenkten Auge.

Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich in Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte es, die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen. »Er müesset et greina,« sagte sie; »Euer Gnada sind jo jetzt wieder g'sund, und – Er kennet jo jetzt bald wieder fortreita,« setzte sie, wehmütig lächelnd, hinzu.

»Fortreiten?« fragte Georg, »also bin ich nicht gefangen?«