»Mein Sohn!« sprach der Kardinal; »ich will nichts davon sagen, daß Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung für unsere heilige Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl, nicht Ihr seid es, der diese Zögerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan spricht aus Euch: es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen Irrtümer, was Euch die Wahrheit nicht sehen läßt; aber beim heiligen Kreuz, den Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich Euch, folget mir; lasset Euch aufnehmen in den heiligen Schoß der Kirche, zur Verherrlichung Gottes.«
Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schönes Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im Zelte zu haben schien. – Da kann es nicht fehlen! – Er seufzte, er blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an. »Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun,« – sagte er, »mein Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet, aber wozu diese sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen?«
»Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr? O! Ihr verstockter Ketzer, ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrünnige! Es ist also nur eine Rückkehr, kein Uebertritt, keine Ableugnung eines früheren Glaubens. Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?«
»Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Ueberzeugung. Ich müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen.«
»O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der Herr von Haller, auch geschämt? Schämen? wie ein Heiliger würdet Ihr dastehen; braucht sich ein Heiliger zu schämen? Hat sich der treffliche Hohenlohe geschämt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu verrichten? Es sei gegen Eure Ueberzeugung, saget Ihr? Da sieht man wieder den Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen? Zu was denn immer Ueberzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am Glauben, daß er von selbst wirkt, ohne Ueberzeugung. Gesetzt, Ihr wäret krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der Christenheit; Ihr seid nicht überzeugt, daß er der alleinige, wahre Arzt ist, aber Ihr laßt Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken auf Euren Körper ohne Ueberzeugung, gerade wie unser Glaube auf die Seele.«
»Otto!« sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, »teurer Otto! Siehe, wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hätte, ich müßte ja schon längst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und dann ein Weib auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und bedenke die schöne Villa an der Tiber, und das köstliche Haus neben dem Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt von so vieler Liebe?«
»Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn,« fuhr der beredte Mann mit dem roten Hute fort, »nicht verhehlen kann ich es Euch, daß man im Lateran noch heute von Euch sprach, daß es sogar Seiner Heiligkeit selbst auffällt, daß Ihr so lange zögert. Bis über acht Tage naht ein großes Fest heran, welche herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre zu tun, bietet sich Euch dar!«
»Wozu doch diese Oeffentlichkeit?« fragte …, »ich hasse dieses Rühmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer Kapelle die Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch, ob ich laut und offen das Opfer bringe! O Luise, Luise! Es tötet sie, wenn sie es hört!«
»Elender!« rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach. »Sind das deine Schwüre? Du falsches Herz. Ich habe dir alles, alles geopfert, und so kannst du vergelten? O Barbar! gehe hin zu ihr, lege dich nieder in ihre Fesseln, aber wisse, daß ich mich in die Tiber stürze; über meine armen Würmer, meine unglücklichen Kinder, mag sich Gott erbarmen!«