»Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter Sohn. Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure Tränen, schöne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will einen väterlichen Kuß auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr nicht, daß Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinnen zu bestricken wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, daß sie in einem strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und Sprache angenommen hat?«
»Welch einfältiges Märchen!« rief der junge Mann. »Was wollet Ihr auch den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf, dem ich das Mädchen nicht gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal betrog!«
»Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der Satan selbst ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo geträumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle seine Träume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der höllische Geist selbst. Wer es aber auch sei; sie hat Euch betrogen. Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch selbst dieses Geständnis über ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin Rücksicht nehmen! – Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,« fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier entfaltete. »Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland öffentliche Ketzer, insgeheim aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!«
Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe. Donna Ines, welche bemerkte, welch günstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des heiligen Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Küssen der Andacht.
»Nicht wahr,« fuhr Rocco fort, »da stehen wohlklingende Namen? Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich diese Leute können nicht so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die Politik, die Rücksicht auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im Herzen sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar öffentlich erklären und seine Irrtümer abschwören. Der da oben wird auch einen wichtigen Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in Frankreich, selbst in England für uns getan wird, bald, vielleicht erlebe ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns zurückgekehrt sein. Wie herrlich muß dann ein Name wie der Eurige leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lang zuvor auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!«
»Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn ich zu Eurer Kirche abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit. Sie gelten von außen als echte Lutheraner, und was haben sie davon, daß sie von innen römisch sind?«
»O Einfalt! es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schöne an unserer Kirche? He? Nicht nur, daß sie die alleinseligmachende, daß sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Hölle, eine Seelenassekuranz gegen den Tod ist! denn schon aus physischen Gründen kann man annehmen, daß keine Seele von den Unsrigen lange im Fegfeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie auch ohne Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im Durchschnitt hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hölle und ebensoviel im Fegfeuer sind. Nun kann man annehmen, daß seit eurer verfluchten Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Türken und zehn Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertundzwanzig.«
»O wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!« sagte Ines mit zauberischem Lächeln. »Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen, in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter? O Gott! es ist nicht möglich!«
»Sodann weiter,« fuhr der Salbungsvolle fort, »euer Erzketzer in Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle Menschen prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte zum Bösen. Diese müssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hölle an. Der Mann hat vernünftige Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegfeuer zu kommen. Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir können ihn doch absolvieren und recta in den Himmel schicken. Nun, und wenn man annimmt, daß das Fegfeuer hundertundzwanzig Millionen faßt, und darunter hundert Millionen Türken und zwanzig Millionen Ketzer, so ist, weiß Gott, auch dort wenig Raum für eine etwas liederliche Seele.«