Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die Polizei hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grund, den Wagen noch einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoßen und hatte den Pietisten gefragt, was es enthalte. »Geistliche Bücher,« antwortete er. Man glaubte nicht, schloß auf, und siehe da, es war ein gutes Flaschenfutter, und die Polizeimänner wollten wegen seines Betruges einige Skudi von ihm nehmen.
»Aber, Bruder,« sagte ich zu ihm. »Eine fromme Seele sollte nach nichts dürsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern, als nach dem Manna des Wortes, und doch führst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt es nicht: ›Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem allen fragen die Heiden?‹«
»Bruder,« erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel! »Bruder, bei dir muß es noch nicht völlig zum Durchbruch gekommen sein, daß du einem Manne von so felsenfestem Glauben, daß du mir solche Fragen vorlegst. Gerade, daß ich nicht zu seufzen brauche: ›Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden?‹ gerade deswegen habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller gefüllt und die aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; es geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir eingegeben. Da, ihr lumpigen Söhne von Astaroth, ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen Pantoffeln führt, da nehmet diesen holländischen Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bücher in Ruhe! – So, nun lebe wohl, Bruder! Der Geist komme über dich und stärke deinen Glauben!«
Da fuhr er hin, und wieder wurde ich in dem Glauben bestärkt, daß diese christlichen Pharisäer schlimmer sind, als die Kinder der Welt. Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Straßen begegnete mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr krank zu sein, denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo nicht die Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glühend, seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut saß ihm etwas schief auf dem Ohr.
»Siehe da, ein bekanntes Gesicht!« rief er, als er mich sah, und blieb stehen. »Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir uns nicht schon irgendwo gesehen?«
»O ja, und ich hoffe noch öfter das Vergnügen zu haben; ich hatte die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen.«
»Ja, ja! ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr, woher ich komme? Geradeswegs von dem Hochzeitsschmause des lieben Paares!«
Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und Piccolo mußte ihn jetzt führen. »Ihr waret wohl recht vergnügt?« fragte ich ihn; »es ist doch Euer Werk, daß die Donna den Kapitän endlich doch noch überwunden hat?«
»Das ist es, lieber Ketzer,« sagte er, stolz lächelnd. »Mein Werk ist es, kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen! – Was wollte ich sagen? Ja – mein Werk ist es, denn ohne mich hätte die Donna gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in Rom befinde. Ohne mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er nicht von seiner Ketzerin losgekommen – kurz, ohne mich – ja, ohne mich stünde alles noch wie zuvor.«
»Es ist erstaunlich!«