»Nicht davon spreche ich,« entgegnete der Eifrige, »der alte Sünder könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon zusehends.«
Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der liebe Brotneid schaute nicht undeutlich heraus. –
»Und unsere Damen,« fuhr er fort, »die sind nun rein toll. Mich dauert nur der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen soll er hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man je gehört, daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glücklichen Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!« –
»Wie? die schöne, bleiche Frau dort!« rief ich aus. –
»Die nämliche bleiche;« antwortete, er, »vor vier Tagen war sie noch schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf der Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie Rouge fin kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt bon ton), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie habe ein so interessantes je ne sais quoi, das zu einem blassen Teint viel besser stehe. Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in den nächsten Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da höre ich sie mit ihrer süßen Stimme den rauhhärigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das Weiß nicht noch etwas ätherischer habe? Hol' mich der T…! hat man je so etwas gehört?«
Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht irrte, so suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich selbst. Von der Schminkgeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung daraus zu erläutern.
Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. »Himmel,« seufzte er, »und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen Formen der schwellenden –«
»Herr Professor!« rief ich, erschrocken über seine Ekstase, und schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. »Sie geraten außer sich, Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?«
»Er hat sie auch,« fuhr er zähneknirschend fort. »Haben Sie nicht bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte? Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe – sie hat alles, um eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen – Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir neulich der Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn vorgestern nacht aus ihrem Zimmer …«
»Ich bitte, verschonen Sie mich,« fiel ich ein, »gestehen Sie mir lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel gebracht hat.«