»Das ist es eben,« antwortete der Gefragte verlegen lächelnd, »das ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er brachte einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf schwindelte. Ich möchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in seine Nähe, und doch könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen.«

Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die Faust und fuhr damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie Katzenaugen, sein kurzes schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu richten.

Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber er ließ mich nicht zum Worte kommen.

»Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,« rief er, »um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer und hast eine feine Nase; aber ein …r Professor, wie ich, der sogar in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine feinere als du.«

Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen, denn als er sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.

Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war, ward die Türe aufgerissen, und Herr von Natas trat stolzen Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen forschenden Blick auszuhalten vermochte.

Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber, neben der Frau von Thingen Platz genommen und die Leitung der Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz im Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter des Oekonomierats so viel Verbindliches zu sagen wußte, daß sie einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.

»Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch – meiner Seel'! aller Ehre wert,« brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine Mauer, neben seine Schöne, doch diese schien nur Ohren für Natas zu haben, denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde, »übermorgen,« und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine sehr zerstreut, meinte sie »1 fl. 30 kr. die Elle.«

Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder gut machen, ja, durch ein paar ottave rime sich sogar bei der Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil; denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.

Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken zwischen Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer schönen, runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel ergriffen, um beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln. Jene aber kredenzte die gefüllten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig so viel als möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.