Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit einemmal, als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des Anstands herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man lachte und jauchzte und wußte nicht über was? Man kicherte und neckte sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder, das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte. Wirklich, es war Natas, der dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelächter ausbrach.
»Nicht wahr, meine Herren und Damen,« schrie der Punsch aus dem Professor heraus, »Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Räson, einen so im Sand sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!«
Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer Verlegenheit. »Ich erinnere mich,« gab ich zur Antwort, als alles schwieg, »von interessanten Gesichtern und ihren Verwechslungen gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas aufgeführt.«
Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder alles.
»Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!« sagte er, »ich behauptete, daß mir ganz unheimlich in Dero Nähe sei, und erzählte, wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie noch, gnädiger Herr?«
Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein älterer, unheimlicher Mensch.
»Da hat man's ja deutlich,« rief der Professor, »dort läuft er als Barighi umher.«
»Barighi?« entgegnete Frau von Trübenau. »Bleiben Sie doch mit Ihrem Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da hereingekommen ist.«
»Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau,« unterbrach sie der Oberforstmeister, »es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in Wiesbaden letzten Sommer associiert war.«
»Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann,« sprach Frau von Thingen, den auf und ab Gehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, »es ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die Gitarre beibringt.«