»Nach meiner Gewohnheit?« rief das Kaninchen erschrocken, »ich ein Unruhestifter oder Säufer, ich in dem goldenen Brunnen, ich, der ich nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den weißen Schwanen mit meinem Besuch beehre? Nein! er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: ›Das ist auch so ein Stein des Anstoßes, auch so ein Mystiker.‹ – ›Herr Pfarrer,‹ sagte ich, ›guten Abend, aber ein Mystiker bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten öffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim.‹ – ›Sie wollen keiner sein?‹ antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, so daß sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und mich heftig drückten. ›Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im Pariser, Weiden- und anderen Höfen geschimpft über mich, daß ich ein gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?‹ Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darüber ausgesprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es könne zarte Damenohren und weiche Gemüter unangenehm berühren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an. Ich schlüpfte ihm unter dem Bauch weg und wollte schnell weitergehen, aber er setzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden Morgen, statt des Frühstücks, magnetisieren lasse und dergleichen. Und erst hier an der Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz von mir ab.«

»Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?« fragte ich. »Halten denn die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit der Apostel?«

»In Frankfurt,« belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, »in Frankfurt ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und Trinkstuben, auf Chausseen und Kasinos wird gekämpft, und so konnte es leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die Hände fiel. – Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fährt dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem Garten, sie steigen aus?«

»Ah, sie hat mich bemerkt,« rief das Kaninchen sehr freundlich, »sie schaut schon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß ich mich entferne. Miß Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen Affären –«

Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die junge Dame auf den glacierten Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen, denn ihr Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.

Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, daß es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher seinen schönen Wagen vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glück, Rebekkchen in den Wagen heben zu dürfen und kam mit ganz verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die Hand gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.


5.
Der Kurier aus Wien kommt an.