»Herr, sind Sie des Teufels!« fuhr der Baron auf. »Wollen Sie uns alles Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie –«
»Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!« rief der Marquis. »Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre Dame! Das finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der Kammer?«
Die Glocken von Notre Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange Prozession, angeführt von den Missionaren, betrat die Bühne. Da sah man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die à la Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin D–s, die Komtesse de M–u, die Fürstin T–d im Kostüm einer Büßenden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da wandte sich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und wer weiß, was meinen Akteurs geschehen wäre, hätte man faule Aepfel oder Steine in der Nähe gehabt? Das hohe Portal von Notre Dame hatte endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über die Szene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug. Man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionare wie ein Kalb führten. So oft er aus dem ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu versöhnen: »Vive le bon Dieu! vive la croix!« So brachten sie ihn endlich mit großer Mühe zur Kirche. Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.
»Haben Sie nun Genugtuung?« sagte der Marquis zu dem Lord. »Was ist Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O, mein Frankreich, mein armes Frankreich!«
»Es ist wahr,« antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die Hand drückte, »Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich, es ist ein Blendwerk der Hölle!«
»Das möchte doch nicht so sicher sein,« sagte ich. »Das Vaterland des Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen.«
»Aber was wollten Sie nur mit dem Affen in Notre Dame?« fragte der Baron. »Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?«
»Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joko, der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von den Missionaren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen Seitensprüngen schließen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche taufen.«
»Goddam! was Sie sagen. Doch Sie scheinen mit der Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird. Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese Pantomimen etwas langweilig.«
»Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat,« antwortete ich. »Es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt, das der Reis-Efendi den Gesandten hoher Mächte gibt, das Siegesfest der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstück der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluß wird ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner mohammedanischen Majestät eröffnet.«