Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:
»Voyez là das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna. Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so glücklich, die Erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen, so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser glänzende Stil –«
»Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau,« unterbrach sie die Dame des Hauses, »darf ich bitten –? Ah, Gabriele von Johanna von Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich Glück.«
»Wir lernten uns in Karlsbad kennen,« antwortete Frau von Wollau, »unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel der Menschheit,[5] sie zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele geschickt.«
[5] Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen »nach dem Ziel der Veredlung.«
Der Herausgeber.
»Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft,« sagte Fräulein Natalie, die ältere Tochter des Hauses. »Ach! wer doch auch so glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre Tasche nicht genug bewundern.«
»Schön – wunderschön – und die Farben! Und die Girlanden! – Und die elegante Form!« hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen, und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz vergessen worden, wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten hätte. »Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet,« rief die Wollau, »wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?«
»Herrlich – schön – ein vortrefflicher Einfall –« ertönte es wieder, und unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte, wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen wieder voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch dem Körper Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das Zeichen, und die Vorlesung begann.
Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen der großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorlesung, denn ich belauschte die Herzensergießungen zweier Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten, und doch war die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren alles hören konnten! Die eine der beiden war die jüngere Tochter des Hauses, die, wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren hatte.