»Wie stattlich,« fuhr er im Eifer fort, »wie stattlich nahmen sich sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter, feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche – so traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust, feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hat, und das oft nach ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem ›Wohl bekomm's‹ die Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen, so war es, und nur der Tod machte darin eine Aenderung. Jetzt hängen sie alles an den Putz, machen Staat wie die Fürsten und sitzen den Wirten um zwei Groschen die Bänke ab. Luftiges, unstätes Gesindel fährt in den Wirtshäusern umher, man weiß nie mehr, neben wem man zu sitzen kommt, und das heißen die Leute Kosmopolitismus. Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne Gesichter von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!«

»Schau' nur dorthin,« fiel ich ihm ein, »du Prediger in der Wüste, dort sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie die heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?«

»Wahrhaftig, diese sind echt!« rief der begeisterte Jude, »ich bin jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele, laß uns zu ihnen uns setzen, mi fratercule

Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten Sorte, denn schon seit zwanzig Jahren kommen sie alle Abende in das nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen Trinkern in seinen Augen sehr zu Gunsten der letzteren ausfiel. Er wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren Urvätern schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten Enkeln wieder trinken werde.

Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn sie wurden freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen, dann gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten Menschen faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:

Des ewigen Juden Trinklied.

»Wer seines Leibes Alter zählet
Nach Nächten, die er froh durchwacht,
Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
Sich um den Groschen lustig macht,
Der findet in uns seine Leute,
Der sei uns brüderlich gegrüßt,
Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
In seine sanften Arme schließt.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
Von Flötentönen süß berauscht,
Fein Liebchen sich im Arme schmieget
Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
Da haben wir im Flug genossen
Und schnell den Augenblick erhascht
Und, Herz am Herzen festgeschlossen,
Der Lippen süßen Gruß genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
Doch ist sein Feuer bald verraucht,
Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
In seine Geisterglut dich taucht;
Uns, die wir seine Hymnen singen,
Uns leuchtet seine Flamme vor,
Und auf der Töne freien Schwingen
Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte
Zum würdigen Gesang erhebt,
Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
Daß ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf – sie schweben nieder
Im Vollton rauschet der Gesang,
Und lieblich hallt in unsre Lieder
Der vollen Gläser Feierklang.