3. Der zweite Stock.

Die Jalousien des zweiten Stockes mir gegenüber öffneten sich, ich erschrak; ein ungeheurer Knebelbart schaute zum Fenster heraus. »Das ist sicher der kleine Leutnant,« sagte ich zu mir, »das muß ein fürchterlicher Kriegsmann sein!« Ich wagte es, wieder aufzublicken und nach ihm hinüberzuschielen; wo hatte ich nur meine Augen gehabt, daß ich vor seinem Anblick so erschrak? Der Bart war allerdings bedeutend und gehörte in die Klasse der grimmigen, aber hinter diesem Wall von Haaren lag ein kleines, freundliches Gesichtchen, ein Näschen, das schalkhaft zwischen dem Grimmigen hervorguckte, ein paar wackere Aeuglein, die auch nicht im geringsten zum Erschrecken eingerichtet waren. Der Kriegsmann hatte mit der Brust nicht sehr weit über den Fenstersims emporgeragt, als er die Jalousien öffnete; jetzt hatte er sich wohl einen Stuhl ans Fenster gerückt, denn er erschien auf einmal groß und schaute mit dem halben Leib auf die Straße herab; doch nach Verhältnis seiner Arme und seines Kopfes zu urteilen, mußte er ein kleiner, untersetzter Mann sein; ich erinnerte mich, daß ihn Christel den kleinen Leutnant genannt hatte. Nichtsdestoweniger brachte er eine ungeheure Pfeife hervor, die bis in den ersten Stock hinabreichte. Sie mochte ein bedeutendes Gewicht haben, denn der kleine Leutnant hielt sie mit beiden Fäusten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Als der Kriegsmann einige Zeit seinen Morgenbetrachtungen nachgehängt haben mochte, fing er an, mit der langen Pfeife an den Jalousien zu seiner Linken zu pochen. Sie taten sich auf, ein mageres, bleiches Gesicht, eine lange, hagere Figur, in einen geblümten Schlafrock gehüllt, schaute hervor; es war der Doktor Salbe.

Die Straße, in welcher ich wohnte, war ziemlich schmal; ich konnte, wenn ich das Fenster öffnete, das Gespräch meiner Nachbarn hören; ich öffnete daher mein Fenster, ließ die Gardinen herab, um nicht von ihnen bemerkt zu werden, und lauschte.

»Wo habt Ihr Euch gestern nacht herumgetrieben, Doktor?« sprach der Leutnant mit schalkhaften Blicken, indem sich der Bart zu einem angenehmen Lächeln bis an die Ohren verzog. »Warum kamt Ihr nicht in den goldenen Hahn? Ich wollte wetten, Ihr waret in einem Singtee.«

Der Doktor nickte und zündete still lächelnd eine Zigarre an der Pfeife des Soldaten an. »Ich war im Singtee,« antwortete er mit hohler Stimme; »Leutnant! da war es wieder herrlich! Im goldenen Hahn geht es mir Sonntags gar zu roh her. Eure Kameraden rauchen so schlechten Tabak, und das Schreien und Schwadronieren von den Gefechten setzt meinen Nerven zu. Aber bei dem Professor Nanze war es gestern wieder göttlich!«

»War die Fremde auch dort?« fragte der kleine Krieger und deutete auf den ersten Stock seiner Wohnung. »Waren auch die beiden Fräulein da?«

»Die Mutter, die Töchter und die Fremde; und wissen Sie wohl, wer sie ist? Sie wird Cousine tituliert, und die Oberforstmeisterin tut sehr freundlich mit ihr. Und denken Sie, ich wurde ihr vorgestellt als Nachbar vom oberen Stock; sie war holdselig und hat auch mein Trauerspiel gelesen und meine Erzählungen in der Zeitung für noble Leute.«