Auch ein Genosse der seligen Tante Idoina, dachte ich und machte ihm hinter den Vorhängen eine Faust, denn er schien mit dem Leipziger Magister im Bunde gegen mich zu sein. Indem hörte man einen wahrhaft höllischen Lärm in der Wohnung des Schusters. Eine tiefe Baßstimme fluchte und tobte, wie die rauhen Töne des Violons; dazwischen hörte man Karolinen und ihre Schwester in hohen, klingenden Tönen wie Oboe und Klarinette, und Brenners Karlchen, der wohl Schläge bekam, fistulierte mit greulichen Violinpassagen dazwischen. Es war kein Zweifel, der Russenschuster war erwacht und hielt seinen feierlichen Einzug in sein Reich.
»Hören Sie doch, wie der Alte wieder rumort,« sagte Doktor Salbe; »mich dauern nur die Mädchen, er probiert sicher an Karolinchen ein paar neue Knieriemen. Apropos, wie stehen Sie mit Karolinchen, Leutnant?«
»Gar nicht,« antwortete er mürrisch und blies große Wolken vor sich hin; »die hochmütige, schnippische Person! Ich weiß nicht, was sie jetzt wieder im Kopf hat, sie dankt kaum, wenn ich sie grüße. Es ist mir auch ganz einerlei,« fuhr er ärgerlich fort: »meine Gedanken stehen jetzt auf die Fremde, auf die Cousine; der will ich die Cour machen; Höllenschwernötchen, Doktor! Das sollt Ihr mal sehen.«
»Hoho!« fiel ihm sein Nachbar mit hohlem Lachen ins Wort. »Wenn Sie erst wüßten, was ich weiß, Wertester!«
»Donner! Hat sie von mir gesprochen? Salbe! Ihr foltert mich; hat sie von mir gesprochen?«
»Nein! Aber sie sagte mir viel Schönes über mein Flötenspiel, das sie vorgestern nacht in den Schlaf gewiegt habe.«
Ich glaubte, der Leutnant werde bei diesen Worten zum Fenster hinausstürzen; er hüpfte auf seinem Stühlchen hin und her und rückte weiter über die Brüstung heraus, um dem Doktor näher zu sein. »Und Ihr habt dem lieben Kind doch gesagt, daß ich es bin, der musiziert?«
»Jawohl; ich sagte ihr, daß ich nur Gitarre schlage und etwas weniges dazu singe; der Flötist aber sei mein Nachbar, der Leutnant Münsterturm. Ich will Ihnen auch gar nicht im Wege stehen; ich habe an meinem neugriechischen Roman so entsetzlich zu arbeiten, daß ich vor den nächsten vierzehn Tagen an keine Liebe denken kann; aber den goldenen Hahn sollten Sie sich abgewöhnen; Sie sollten in gebildete Zirkel sich einlassen, dort können Sie die Haus-Cousine treffen.«
»Gott straf' mich, Ihr habt nicht unrecht!« unterbrach ihn der liebende Soldat. »In den goldenen Hahn kommt sie doch nicht, also muß ich sie anderen Ortes aufsuchen. Aber Ihr kennt ja meine Antipathie gegen das Teetrinken, ich riskiere, daß ich auf der Stelle krank werde, wenn ich dieses laue Wasser zu mir nehme. Was haltet Ihr davon, Doktor, wenn ich Punschessenz mit mir nehme in einem Gläschen und, während ich nach der tollen Sitte mit der Tasse auf und ab spaziere, heimlich einige Tröpflein in den Tee gieße? Dann kann er mir nichts schaden.«