»Nun? und was sagtest du, Alte? Was gabst du zur Antwort?«
»Na, ich weiß es ja selbst nicht; ich sagte, es müsse Ihnen jemand gestorben sein, Sie gehen meist in schwarzen Kleidern; und da meinten sie – hi! hi! da sagte Karolinchen: ›Ach, gewiß ist ihm sein Schatz gestorben, dem armen Herrn, oder es geht ihm gar wie dem armen jungen Werther, der auch so viel gelitten hat.‹«
Die guten Seelen! dachte ich; weil sie lieben, so kennen sie kein anderes Leid als die Trauer der Liebe! Wie unendlich prosaischer ist doch mein Kummer! Freilich ist mir ein Schatz gestorben; der Leipziger Magister hat ihn gewonnen. Die alte Tante ist es, der meine Melancholie gilt, der seligen Idoina, der Mitarbeiterin an der Zeitung für noble und gebildete Leute. Wie prosaisch, wie so ganz miserabel und unpoetisch! Meine Farbe spielt etwas ins Blasse, was ist natürlicher, als daß ich Kummer habe? Ich bin viel zu Hause, ich muß über meinem Kummer brüten; ich sehe melancholisch aus, ich könnte schwer verdauen, ich könnte einen Roman unter falschem Namen geschrieben haben und deswegen auf Geldbuße angeklagt sein. Aber dies alles ist uns heutzutage zu prosaisch – er ist melancholisch, er muß Liebeskummer haben, ganz erschreckliche Seelenleiden; sogar die Schustermamsell, die liebende, weiß gleich, wo einen der Schuh drücken könnte. In welcher Schule mag sie das gelernt haben? Ja, sie hält mich für größer als ich bin; sie vergleicht mich sogar mit dem jungen liebenden Werther, dem unvergeßlichen; und ich – muß erröten, jene enorme Höhe von tragischem Pathos noch nicht erreicht zu haben!
Mit diesen Betrachtungen beschäftigt, sah ich den Pariser aus dem Hause treten. Er sah gar nicht übel aus, und ich konnte es Karolinchen nicht verdenken, daß sie gern mit ihm scherzte. Er war nett und elegant gekleidet, denn zu solchen Besuchen wurde der Sonntagsstaat angelegt. Er ist ein hübscher, gedrungener, untersetzter Bursche, lebhaft, gewandt; es kann ihm nicht fehlen, er muß bei den Mädchen Glück machen. Schon der Name, der Pariser, weckt tausenderlei günstige Meinungen zum voraus. Der muß die Welt gesehen haben, denkt man und fühlt sich nicht wenig geehrt, von ihm zu einem Walzer oder Dreher aufgezogen zu werden. Ich konnte mir denken, daß er seine Sitten perfektioniert haben werde. In der Hauptstadt der Welt, wo die Schuster in Glaswagen bei ihren Kunden vorfahren und ihre eigenen geheimen Sekretäre haben, welche sogleich die Maße der Kundenfüße zu Protokoll nehmen, wo die Meister Künstler sind, ein Atelier statt der Werkstatt haben, mehrere Kurse über Anatomie anhören, um sich in ihren Bemühungen um den Fuß zu vervollkommnen, wo die Gesellen nicht auf einfüßigen Schemeln, sondern in prachtvollen Fauteuils Schuhe flicken, und die Lehrjungen oder Garçons den Draht mit parfümiertem Pech wichsen, in einer solchen Stadt hatte er den deutschen Handwerksburschen, diesen aus Flegelei, Courtoisie und Sinnlichkeit zusammengesetzten Kraftmenschen, ausziehen und in den Pariser fahren müssen.
Er kam, ich hatte mich nicht getäuscht. Wie artig wußte er sich zu verbeugen, den Hut abzulegen und ein paar Fünffingerstriche durch sein Haar zu tun? Wie unbefangen näherte er sich, mit welcher Grazie setzte er mir den Stiefelzieher zurecht! Er schien mich mit mitleidigen Blicken zu betrachten, der arme Siegwart mochte ihm einfallen, oder gar die Leiden des jungen Werthers, denn er erkundigte sich dolce nach meiner Gesundheit.
»Sie haben eine angenehme Werkstatt da drüben,« sagte ich zu ihm, indem er mit einem rosenfarbenen Seidenband meinen Fuß maß und sich Notizen in eine saffianene Brieftasche aufzeichnete. »Ich meinte, Ihre Werkstatt muß hell und freundlich sein?«
»Unser Arbeitszimmer meinen Sie? O ja, es ist hübsch und freundlich, und man hat doch auch eine Aussicht auf die Straße.«
»Nun, und die Einsicht ist gewiß auch nicht übel; läßt Ihnen Mamsell Karoline soviel Zeit, auf die Straße zu sehen?«