»Ich mag nicht daran denken,« antwortete er; »es würde mir jede Stunde verbittern; wenn einmal geschieden sein muß, so soll es schnell gehen. Wohl wird es mich schmerzen, wenn ich wieder so allein in die weite Welt hinaus muß, denn hier kann ich nicht bleiben; aber ich denke dann, es wandert mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit schwerer drückt, als sein Bündel auf dem Rücken; so geht's halt in der Welt!«

Er ging mit einer Träne im Auge von mir.

»Also auch hier die unglückselige Macht der Verhältnisse!« dachte ich. »Auch hier der Eigensinn der Väter, auch hier das eifrige Streben nach Geld und Ehre! Man spricht von dem Unglück hochgeborner junger Damen, daß sie nicht dem Zug des Herzens, sondern dem Gebot der Verhältnisse folgen müssen. Man bedauert Prinzessinnen, daß für sie wahrscheinlicherweise das Glück stiller, beglückter Liebe verloren sei; man beklagt junge Gräfinnen und Fräulein von altem Adel, daß ihrem Auge kein Mann gefallen dürfe, der nicht sechzehn Ahnen gehabt, daß ihre Seele kein Bild legitimerweise erfüllen dürfe, das nicht stiftsfähig wäre. Hat die Tochter des Russenschusters ein glücklicheres Los? Es werben reiche Grafen, besternte Diplomaten um die Hand einer jungen Dame, der Arme, Unberühmte muß zurücktreten; hier kommen ganz außerordentlich vornehme und angesehene Leute und wollen Karolinchen zur Frau, wer sind sie? Bierbrauer, Schweinemetzger, Rotgerber; sollte nicht der Pariser ebensogut, sogar noch passender für sie sein? Mit nichten! Jene haben Geld und Ansehen in der Stadt, sie sind außerordentlich vornehm; Karolinchen muß sie heiraten. Aber welche Nötigung ist bei all diesen Fällen? Der Vater des Fräuleins wird die Achseln zucken und sagen: die Verhältnisse. Verflucht sei, wer dieses Wort erfand, um einen Begriff zu bezeichnen, der auf Vernunft und Recht keinen Anspruch machen kann!«

Ich war ergrimmt über diese Unnatur des Schusters, und in meinem Grimm mußte ich die Resignation des Parisers bewundern. Wäre dieser Fall in den höchsten oder in den Mittelständen vorgefallen, der Amoroso hätte sich erstens entweder mit seinem durch die Verhältnisse begünstigten Nebenbuhler schießen wollen, oder zweitens, er hätte gewütet, seiner Geliebten das Leben verbittert, ihr geflucht, gedroht, sich zu erschießen, und erst auf ihr inständiges Bitten sich das Leben geschenkt, oder drittens, er wäre ins Wasser gesprungen, oder viertens, er wäre tiefsinnig geworden, und dieses letzte ist das Allgemeinere. Nicht so der Pariser; er sieht sein Unglück voraus; er könnte zur Not einen dummen Streich machen, aber das Glück und die Ehre der Geliebten ist ihm teurer – er liebt und vergißt sein Unglück, bis es da ist, und dann schnallt er den Ranzen und wandert traurig durch das Reich. Man wird sagen, er hat nicht jenes tiefe Gefühl, nicht jene feinere Bildung, die zur wahren Liebe und zum tieferen Schmerz der Liebe gehört; kann man glauben, daß ein Schustergeselle so innig lieben könnte als ein Dragonerleutnant oder ein Legationsrat oder gar als ein junger Doktor? Kleinliche Torheit, die du auch hier wieder die Gefühle nach den Ständen abmessen willst! Die Aeußerungen dieses armen Burschen sind erhabener als die Rodomontaden hochgeborner Liebhaber, sie zeugen von tieferer Empfindung als eure erlernten und erlesenen Sentiments, und seine Resignation ist edler als euer Toben und Wüten gegen das Schicksal. Er will sich nicht schießen mit seinen Nebenbuhlern wie der Legationsrat; er will sich nicht in seinen eigenen Sonetten ersäufen wie der Doktor; er schließt die Geliebte zum letztenmal in die Arme, wirft sein Ränzel auf den Rücken, nimmt den Wanderstab und geht. Sein Unglück fühlt er tief, wenn er zum letztenmal die Türme der Stadt, die er verläßt, aus der Ferne ragen sieht; aber er denkt, es wandert noch mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit schwerer drückt als sein Bündel auf dem Rücken. Er trocknet eine Träne ab und geht. Aber der Dragoner und der Legationsrat und der Doktor? Wenn jener nicht geblieben ist, wenn sich dieser nicht erschoß, wenn der Doktor nicht ertrunken – so gehen sie auch und geben sich zufrieden. Aber freilich, es gehört dazu, daß sie vorher etwas weniger gestöhnt und gejammert hatten. So wollen es die Verhältnisse!


7. Die deutsche Literatur.

Vor einigen Tagen traf ich am dritten Ort meinen Nachbar, Doktor Salbe. Er erkannte mich als Nachbar, freute sich, mich zu sehen, und lud mich ein, ihn hie und da zu besuchen. Ich versäumte es nicht. Doktor Salbe ist ein unterrichteter Mann, und ich bin gerne in seiner Gesellschaft. Anfangs war es mir schwer, seiner Einladung in den goldenen Hahn zum zweitenmal zu folgen; diese qualmende Bierstube wollte mir, da ich an diese Tabakshöhlen nicht gewöhnt war, nicht zusagen. Aber ich gewöhnte mich daran, und so mancher Kernwitz, der in dieser Gesellschaft fiel, die gewaltige, tönende Sprache der Leutnants, die aus allen Wissenschaften zusammengeholten Ausdrücke der jungen Doktoren entschädigten mich für das Aeußere. So war es auch in Doktor Salbes Haus. Eine Unordnung, beinahe Unreinlichkeit ohnegleichen. Wenn er mir ein neues Gedicht vorlesen wollte, blickte er mit Falkenaugen im Zimmer umher und fuhr dann oft plötzlich unter den Tisch, denn dorthin hatte sich der Wisch verloren. Einmal erzählte er mir von einem Sonett, an welchem er drei Tage gedreht habe. Es sei ganz unübertrefflich, und die Ausgänge tönen wie lauter Italienisch und Spanisch durcheinander. Er suchte in allen Ecken, auf allen Tischen, in allen Fächern; es fand sich nicht. Endlich führte ihm der Zufall ein zusammengedrehtes, halbverbranntes Papier in die Hand. Er sah es an, er erblaßte, er schlug sich vor die Stirne. »O ihr Götter!« rief er aus, »mit meinem herrlichsten Sonett hat der verdammte Leutnant Münstertürmchen seine Pfeife anzündet! Wie hättest du geglänzt, klangvolles Gedicht, in der Zeitung für noble und gebildete Leute! Jetzt muß ich dich aus meinem miserablen Gedächtnis kompensieren. Du bist ein Torso, und ich soll dir neue Füße einsetzen!«

Trotz dieser schrecklichen Unordnung gefiel es mir wohl bei Salbe. Er hatte eine gewisse gelehrte Atmosphäre, die jeden schlechten, trivialen Gedanken zu ersticken schien; man konnte sich ganz behaglich in seiner Nähe fühlen, denn er hatte eine ungemeine Literatur im Kopf und belehrte im Gespräch auf angenehme Weise. Wir sprachen eines Nachmittags, den ich bei ihm zubrachte, von Literatur und ihrem Einfluß auf die Menschen. Ich sagte: »Die Franzosen haben das vor uns voraus, daß alle ihre Geschichtswerke, ihre Romane, ihre Gedichte, selbst ihre philosophischen Bücher so geschrieben sind, daß sie jeder lesen kann. Die Werke ihrer größten Geister sind unzähligemal als Stereotypen gedruckt, ich habe oft auf meinen Reisen gesehen, daß ein geringer Handwerker, ein Soldat, selbst ein Bauer seinen Voltaire, seinen Rousseau las; dadurch wird die Intelligenz unbegreiflich gesteigert, daher kommt auch, daß jene Redner in der Kammer so ungeheuer wirken; nicht durch den verschwebenden Schall von der Tribüne, der Einzelkampf richtet dort wenig aus, wo man in Massen kämpft, sondern durch die Verbreitung dieser Reden durch die öffentlichen Blätter. Der geringere Bürger, der Landmann liest begierig diese Reden; seine Lektüre hat ihn vorbereitet, das Wahre von dem Falschen zu sondern, und ich versichere Sie, ich habe diese Leute mit einer Wahrheit, mit einer Tiefe über die Schönheiten einer Rede, über die Wendungen eines Satzes sprechen hören, die mich in Verwunderung setzte, und die ich vergebens selbst in unsern Mittelständen, bei dem Kaufmann, dem Künstler, dem Schreiber, suchen würde.«

»Sie machen damit unserm Vaterland und seinen Schriftstellern ein schlechtes Kompliment,« antwortete Doktor Salbe. »Es ist wahr, die eigentlichen Gelehrten bei uns bilden sich eine eigene Sprache; sie konnten sich aus dem früheren lateinischen Jargon nicht gleich in das ehrliche Deutsch finden. Daher kommt es, daß man bei uns, außer Platt, Schwäbisch und Hochdeutsch, auch noch Kantisch, Schellingisch, Hegelisch etc. spricht und schreibt; man muß zu diesen Sprachen eigene Wörterbücher haben, um sie zu verstehen, und es ist kein Wunder, daß man Kant ins Deutsche übersetzt hat.«