Sie hatte geendet und legte schnell das Buch nieder; die Mädchen weinten noch etwas weniges in der Stille fort; der Leipziger aber vertrank seinen Schmerz in einem mächtigen Zuge Bieres.

»Wir sind heute leider zu spät gekommen, um noch etwas von Ihrer Lektüre profitieren zu können. Was haben Sie heute gelesen?« – »Rochus Pumpernickels Tod;« antwortete der neue Gesell. »O, Herr Doktor, das ist eine so grausam rührende Geschichte, als im ganzen Evangelium keine steht!« – »So? A. v. S. macht auch rührende Geschichten?« fragte jener weiter. »Ich habe bisher geglaubt, er sei immer nur fröhlich und heiter und lasse seine Leutchen heiraten, nebst schöner Mitgift von ein paar Milliönchen?« – »Ja, wir haben es anfangs auch geglaubt,« entgegnete Karolinchen; »es ging so hübsch und fröhlich an.« – »Das ist gerade das Schöne, daß man glaubt, es komme alles so freudig wie immer, und dann kommt es auf einmal hageldick mit dem Unglück. Das ist um so rührender, daß einem die Tränen unwillkürlich laufen; ach, und wie wahr ist es! Nicht alle Liebenden können ja glücklich werden! Dies beweist ja der Siegwart und Werthers junge Leiden, die ich in Mannheim gelesen habe, und viele andere rührende Historien. Und sieht man es nicht alle Tage?« setzte er gerührt hinzu, indem er nach Karolinchen blickte. »Wie viele zärtliche Liebschaften hat schon das grausige Schicksal getrennt!«

Karolinchen weinte still; der Leipziger aber schlug mit dem Hammer auf den Absatz eines Stiefels, daß es Funken gab. »Den Kerl, den Alten soll der Teufel holen; er ist an allem schuld, der heimtückische Sackermenter; hier möcht' ich ihn haben, zwischen meinen Knieen, ich wollte ihn hämmern wie Sohlenleder!« – »Ja, der ist an allem schuld,« klagten die Mädchen. – »Sie lieben also diesen Schriftsteller?« fragte ich. »Sie scheinen ihn allen andern vorzuziehen?« – »Gewiß!« sagte der neue Gesell. »Sehen Sie, es mag wohl sonst noch Dichter geben; aber sie sind nur für die vornehmen Leute, sie sind uns zu hoch; da ist nun A. v. S. gerade recht für uns, so gemein wie er schreibt keiner. Ihn verstehen wir; wenn er etwas sagt, so weiß man auch, was er will. Ich kann Ihnen versichern, es ist mir oft, wenn ich ihn lese, als säße ich im Bierhaus, und mein Kamerad, der Straubinger oder der Hamburger, erzählte mir eine schöne Geschichte.«

Ich sah mich nach meinem Freund um, er saß ganz ernsthaft da und rief alle Augenblicke aus: »Es ist zum Erstaunen!«

»Und Kernmädchen hat er,« fuhr der große Kritiker fort, »so schön und köstlich, daß einem ordentlich der Mund wässert. Nicht wahr, ihr Jungfern?«

Die Mädchen erröteten, doch, was sie sich lächelnd in die Ohren flüsterten, mochte den Satz des Leipzigers nicht umstoßen.

»Vox populi, vox Dei!« sagte ich. »Denken viele Leute so wie Sie?« – »Ich bin weit herumgekommen,« erwiderte er mit Feuer, »aber überall fand ich die gleiche Liebe für diesen Mann! Alle Handwerksburschen von Bildung lassen sich für ihn totschlagen.«

Der Doktor stand auf, er mochte glauben, ich habe jetzt genug gehört, um seine Behauptung bestätigt zu finden. Wir nahmen Abschied von diesem ästhetischen Klub und gingen. Unter der Haustür nahm er meine Hand. »Nun, was meinen Sie?« sagte er, indem Spott und Hohn um seinen Mund, aus seinen Augen blitzten. »Glauben Sie jetzt, daß auch in Deutschland ein Schriftsteller allgemein werden könne? Was wollen Sie mit Ihren Franzosen, die ihren Voltaire hinter dem Pfluge lesen und von den Reden eines Foy in den ärmlichsten Hütten begeistert sind? Kann nicht auch bei uns ein großer Geist durchdringen und ein Mann des Volkes allgemein werden?« – »Ja,« erwiderte ich und drückte ihm die Hand, »er kann es, wenn er es versteht, gemein zu sein.«


Ein paar Reisestunden.