Ein Bruchstück.
Vorwort an Madame J. Floret,
Eigentümerin des Hôtel de Flandre, Rue Notre Dame des Victoires à Paris.
Sehr verehrte Frau!
Sie gehören unter die wenigen Menschen, die mir auf mein ehrliches Gesicht hin und ohne andern Schein als etwas Scheinheiligkeit getraut haben, und ich würde Ihre trefflichen Eigenschaften, ein gutes Herz, nachsichtige Augen, ein offenes Ohr und einen für Rue Notre Dame des Victoires hinlänglichen Verstand, öffentlich gemacht haben, auch wenn ich es Ihnen nicht versprochen hätte.
Als ich, versehen mit allem, was ein mutiges, junges Herz unterstützt, in Ihr Haus trat, da dachte ich freilich nicht, es einst so plötzlich verlassen zu müssen; doch wäre auch jene Begebenheit schon damals vor meiner ahnungslosen Seele gestanden, an eine so romantische, samaritanische, beinahe unglaubliche Zuversicht einer Eigentümerin eines Hotel garni hätte ich nie geglaubt.
Ich vergesse jenen Abend nie, als ich vor Schrecken, Unwillen und Angst beinahe leblos, bei Ihnen eintrat, nach meiner Rechnung fragte und Ihnen gestand, daß ich abreisen müßte. Ich hatte von allem gemünzten Gold, das auf der Erde umherrollt, noch zwei Zwanzigfrankstücke, von dem ungemünzten in Barren, Gefäßen und Geschmeiden einen Ring, und alles übrige Schätzbare bestand in einigen Kleidern, welche rechtlicherweise noch nicht mein gehörten.
Ihr Scharfblick, verehrte Frau, oder nenne ich es lieber barmherzigen Instinkt? kurz, jene unbegreifliche Ahnung sagte Ihnen in einem Augenblicke alles; Sie schlugen das wohlbekannte Buch von grünem Saffian auf, Sie lispelten freundlich: vierhundertundfünfzig Frank, und ich wiederholte mit bebender Zunge: vierhundertundfünfzig! Und als ich Ihnen dann meinen Kummer auseinanderzusetzen wagte, wie gütig waren Sie da, wie mütterlich besorgt fragten Sie nach den kleinsten Umständen!
Genug! Sie haben mir aus einer Verlegenheit geholfen, die, so klein sie dem Namen nach sein mochte, für mich in jenem Drang der Umstände niederdrückend, schmerzlich war. Es war in meinen Augen, obgleich ich gewiß war, schon im folgenden Monat meine Schuld tilgen zu können, nichts anderes als ein Geschenk; denn konnten Sie wissen, daß ich ehrlich genug sein werde, die Summe heimzuzahlen? Und mit welcher Urbanität wußten Sie es zu bieten! Wie fein wußten Sie der peinlichen Notwendigkeit, eine Wohltat annehmen zu müssen, alles Drückende zu benehmen! Es ist heute ein Jahr seit jenem Abend verflossen, aber noch heute steht jedes Ihrer Worte deutlich und wie gedruckt vor meiner Seele. »Es haben schon viele deutsche Doktoren bei mir gewohnt,« sprachen Sie, bald auf Ihr Buch, bald auf mich blickend, »meistens au cinquième und quatrième, Sie sind der erste gewesen au second; alle haben geraucht wie Sie, alle haben schlecht Französisch gesprochen, alle verlangten anfangs ein Kopfkissen von Federn statt meiner trefflichen Rollen von Roßhaar, keiner von ihnen konnte mit dem Kaminfeuer zurecht kommen, fast alle schrieben den ganzen Vormittag, oft bis vier Uhr, und Gott weiß, was sie geschrieben; aber alle waren redliche, ehrsame Leute und mir, ich gestehe es (ihre runden Köpfe und blonden Haare abgerechnet), lieber als meine jungen Landsleute, die über einen unpolierten Nagel an der Wand eine Stunde sprechen können und doch nicht mehr wert sind, als daß man sie daran aufhänge. Ich habe gehört,« fuhren Sie fort, »daß alle diese jungen Herren, wenn sie nach Deutschland zurückkehren, unsere schöne Hauptstadt in Büchern beschreiben und weitläufig erzählen, was sie daselbst gehört und nicht gehört, gesehen und nicht gesehen haben. Mein Vetter, Doktor Q–, Sie müssen ihn oft bei mir gesehen haben, und die Leute behaupten, er sehe mir ähnlich, obgleich sein Teint dunkler ist als der meinige, nun dieser Vetter ist Mitarbeiter am Globe, und es ist nicht die schlechteste Zeitung, die in Paris gelesen wird. ›Die Deutschen, Madame,‹ sagte er mir oft, ›sind in der Gesellschaft nicht zu gebrauchen, aber die Feder ist ihre Zunge; sie sind treffliche Leute mit der Feder und in der Tat gelehrt; ihre Literatur fängt an, bei uns bekannt zu werden, und es ist nicht das Schlechteste, was wir vom Auslande empfangen.‹ So sprach er oft, und meine Achtung vor Ihren Landsleuten stieg.
»Monsieur Off,« fuhren Sie fort, denn mein Name war Ihnen nicht geläufig, »Sie haben viel geschrieben, solange Sie auf Nr. 15 im Hotel de Flandre waren. Doktor K., Ihr Landsmann, hat mir auch versichert, daß man schon einige von Ihren Schriften gedruckt habe; Monsieur Off, gegen einen solchen Mann kenne ich meine Pflichten, und diese Rechnung (Sie machten einen dicken Strich dadurch) soll Ihnen nicht länger beschwerlich fallen; aber Sie werden auf Ihrer Seite auch so gütig sein, meiner und meines Hauses in Ihrer nächsten Schrift zu erwähnen, und ich weiß, diese vierhundertundfünfzig Frank werden mir dann schöne Zinsen tragen.«