Wahrlich, verehrte Frau, noch zur Stunde kann ich nicht glauben, daß es Ihnen mit jener Bitte ernst war; denn wer von meinen Landsleuten wird gerade deshalb, weil ich dort wohnte, Ihr Hotel beziehen? Dies Buch, vor welches ich Ihren Namen setze, Sie selbst können es nicht lesen, und Jean, le garçon, spricht zwar die Worte Brot, Schnaps, Salz, Wein, Wurst, Bett, die er auf seinen militärischen Durchreisen bei uns zu lernen die Gnade hatte, deutlich genug aus; aber auch er wird unsere Buchstaben so wenig lesen können als die gotischen Charaktere an den Butiken der deutschen Schneidermeister, die ihn oft zu Verwünschungen steigerten. Vielleicht wohnt irgend einer meiner Landsleute au quatrième, und in diesem Fall können Sie sich einige Kapitel übersetzen lassen, vorausgesetzt, daß Sie sein ang und ong verstehen.

Auf jeden Fall aber müssen Sie sich durch Ihren gelehrten Vetter von der Redaktion des Globe ein Certifikat verschaffen, daß à la tête dieser Schrift wirklich eine Zueignung an Sie zu lesen ist, denn Sie könnten glauben, dadurch, daß ich darauf bestand, meine Rechnung zu tilgen, habe ich mich von meinem Wort und einer angenehmen Pflicht losgesagt. Wem könnte ich ein Buch, in dem meine Landsleute flüchtige Zeichnungen der Sitten Ihres und meines Volkes finden sollen, würdiger zueignen als einer liebenswürdigen Repräsentantin des neuen Frankreichs, einem Kinde der Revolution, das, obgleich so weit entfernt von Politik als vom Studium der Geographie, die Abschnitte seines Lebens nach den Leiden und Freuden seines Vaterlandes zählt? Sie wurden von der Sturmglocke des dreizehnten Vendemiaire aus Mutterleibe geläutet; als Bonaparte sich die Krone Karls des Großen auf die Stirne setzte, warf Sie, Neugierige, eine Volkswelle an die Treppe des Hôtel-Dieu; die Stirnnarbe, die Sie davontrugen, ist noch nicht verschwunden, aber sie steht Ihnen gut, und Sie wissen es. Bald fluchte Ihr junges, der Liebe erschlossenes Herz Cäsarn und seinem Glück, denn Ambroise, der hübsche Kommis aus der Rue Montmartre, sollte als Voltigeur helfen Rußland erobern, und bald beweinten Sie Frankreich und sich – Ambroise mit erfrornen Beinen konnte nicht wieder über die Beresina voltigieren. Monsieur Floret war Ambroises Nachfolger in der Wohnung Ihres Herzens; jedoch erbte er nicht das ganze Appartement, er mußte sich mit einer Kammer begnügen, die andern blieben für Ambroises Andenken verschlossen. Alle Kammern konnten sich indessen nicht enthalten, bange zu klopfen, als Herr Floret im Kleide der Pariser Nationalgarde, Gewehr im Arm, Abschied nahm, um an die Barriere zu fliegen, und Sie – zum letztenmal umarmte, ehe er unter Blüchers erstem Kanonendonner wiederkam. Frankreichs Geburtswehen beschleunigten Ihr Glück. Sie stiegen mit Ludwig XVIII. auf den Thron des Zahltisches und saßen ungleich fester, denn Sie bedurften seitdem keiner Restauration; ja, Herrn Florets Tod, der an dem Tage, wo der alte Lilienstengel eine junge Knospe trieb, zu Père la Chaise schlafen ging, statt ihn zu erschüttern, diente dazu, ihn zu befestigen. – Leben Sie wohl auf Nimmerwiedersehen; einfache und – meine Landsmänninnen mögen die Nase rümpfen, so viel sie wollen – tugendhafte Frau; Ihr Andenken soll mich begeistern, wenn sich die liebenswürdige Seite Ihres Volkes mir zuwendet, ich werde sie aufsuchen und mit Liebe aufsuchen, und ewig sollen mir die Worte unvergeßlich bleiben, die Sie im Augenblicke des Abschieds, anfangs in einem Tone, als seien Sie die Sprecherin Ihrer Nation der meinigen gegenüber, dann mit zitternder Stimme und mit feuchtem Auge sprachen: »Monsieur, ich achte Ihre Nation, und diese Achtung hat sich vermehrt, seitdem ich die Ehre hatte, Sie kennen zu lernen. Reisen Sie glücklich, und kommen Sie schnell wieder in das schöne Frankreich, wenn Sie zu Hause friert – car je suppose, qu'il n'y a pas loin de chez vous aux glaces, où mon pauvre petit Ambroise a péri


Es sind schon so viele Reisen nach Paris geschrieben und gedruckt worden, daß man eine eigene Bibliothek davon errichten könnte, und es scheint, es sei eine sehr überflüssige Mühe, nach der tausendsten noch die tausendunderste herauszugeben; dennoch kann keinem Reisenden das Recht bestritten werden, seine eigene Reise zu beschreiben, so wenig als einem verboten werden könnte, seine Biographie oder Reise durchs Leben herauszugeben, weil er etwa nur Nachtwächter, Doktor der Philosophie und nicht König, Kaiser oder Goethe war; jeder lebt, denkt und reist anders als sein Vordermann, und es kommt am Ende weder auf die Reise, noch auf die Beschreibung, sondern darauf an, ob einer etwa so viele Leser findet, als ich mir wünsche.

Vergebens würde übrigens einer aus meiner Reisebeschreibung zu berechnen hoffen, wie viele tausend Taler ein junger Mann etwa in einem Monat brauchen könnte, wo die besten Nachtlager und die teuersten Mittagessen, wo die höchsten Türme und die breitesten Straßen seien. Vergebens wird einer, der töricht genug ist, sie als Guide des voyageurs mitzunehmen, nach andächtigen Empfindungen und richtigen Notizen über irgend ein bedeutungsvolles Monument blättern; ich schreibe weder zur Erbauung noch zur Bereicherung der Geographie, ich dränge niemand meine Empfindungen auf, denn jeder hält am Ende doch seine eigenen für die besten; ich will nur wiedererzählen, was ich gehört habe, nur einiges Vorübergehende, aber Bedeutungsvolle, was andere nicht gesehen haben, will ich beschreiben.

Darunter gehört zum Beispiel nicht das Städtchen Saarlouis, sondern die Leute, die von dort aus in dem Metzer Eilwagen mit mir fuhren; obgleich es beinahe so viele Geschichten von Postwagen gibt als Gespenstersagen und Lichtkarzmärchen, so bin ich doch versucht, von einigen dieser Personen zu sprechen.

Ich saß in einer Ecke und mußte es mir gefallen lassen, wenn mich die übrigen so aufmerksam betrachteten wie ich sie; es ist mir übrigens gewiß nicht zu verargen, wenn meine Blicke hauptsächlich auf einer jungen Dame mir gegenüber hafteten, von deren Antlitz ich freilich nichts sah als eine dunkle Locke und ein glänzendes Auge; denn eine große Kapuze, welche sie am Mund mit einem Tuch verschlossen hielt, umhüllte den Kopf; daß sie jung sei, sagte mir nicht nur die schlanke Taille, die Behendigkeit, womit sie in den Wagen gestiegen war, sondern auch ein gewisser Aberglaube, denn meine Base in Frankfurt hatte mir prophezeit, ich werde mit einer schönen jungen Dame nach Paris fahren. Ich bemerkte, daß ihr die Stellung der nächsten vier Füße unbequem sei, machte ihr Raum, konnte aber nicht verstehen, in welcher Sprache sie mir dankte, denn ich hatte bei dem Manöver einen dicken Mann, ihren Nachbar, auf seinen Leichdorn getreten, und er brummte vernehmlich und deutsch. Es war morgens vier Uhr, die Luft kühl, aber gegen acht Uhr mußte nach meiner Rechnung der Nebel und mit ihm die Kapuze der schönen Nachbarin fallen.

Ein Mann mit kühnem, dunklem Gesicht und schwarzen Falkenaugen, einem schon ins Graue spielenden Bart um die Oberlippe, saß in der anderen Ecke neben dem dicken Mann. »Ein echt französisches Gesicht, ein Offizier,« dachte ich, »und zwar einer von der alten Armee und auf halbem Sold, denn seine Kleidung ist etwas ärmlich, er sieht unzufrieden aus und will wahrscheinlich die Ehrenlegion Heinrichs IV. nicht tragen, denn er hat kein Band im Knopfloch. Welche Gedanken sprechen aus diesem dunkeln Auge! Dieselbe Straße nach Deutschland ist er in der Revolution als junger feuriger Patriot, nachher als Offizier des Kaisers, vielleicht an der Spitze eines Regiments gezogen! Auf diesem Wege vielleicht hat er seine tapfern Truppen aus den Feldzügen von Sechs und Neun zurückgeführt! Jetzt bezeichnet ihm diese Kaiserstraße nur noch wehmütige Erinnerungen ehemaliger Größe; noch lange nicht ist seine ganze Generation ins Grab gestiegen, und doch ist alles dahin vorangeeilt, was ihnen groß und teuer war, und dieses schöne Frankreich deucht ihnen ein großer Kirchhof, wo ihr Ruhm und ihre Hoffnungen begraben liegen und auf eine frohe Urständ warten.«

Der kleine junge Mann an meiner Seite könnte etwa ein angehender Kaufmannsdiener sein; in meinem Herzen halte ich ihn aber für einen deutschen Schneider, der nach Paris reist, um sich auszubilden. Noch gibt es einen jungen Menschen in einem blauen flandrischen Hemde an der Seite meines Nebenmannes; er schläft schon und ist seinem Gesicht nach unbedeutend.