Die Pferde werden gewechselt; die Schlafenden erwachen und starren mit glanzlosen, schläfrigen Augen auf einige zerlumpte Weiber und Kinder, die mit ihrem kreischenden Patois und ihren Holzschuhen einen unangenehmen Lärm machen. Der Oberst zieht an einem alten ledernen Riemchen eine silberne Uhr aus der Tasche, und ich denke, er müsse seit der Restauration sehr zurückgekommen sein. Der dicke Mann hat ein unerträglich dummes Gesicht, und wenn ich ihn nicht für einen Viehhändler halte, so ist nur seine reinliche Kleidung schuld; ich mache ihn zu einem holländischen Krämer. – Man fuhr weiter, und aufs neue zogen mich die melancholischen Züge des Obersten an. Er sang ganz leise vor sich hin ein Liedchen, das er mit den Silben »Leon« und einem tiefen Seufzer endete; ach! es war Napoleon, sein Held, sein Kaiser, von welchem er sang! Jetzt zog er eine Schreibtafel heraus, die, ich muß es gestehen, ein wenig schmutzig und verbraucht war; aber nur um so interessanter schien sie mir, denn sie war wohl ein Andenken an einen gefallenen Kameraden; er hatte, stellte ich mir vor, als er einst nachts beim Mondlicht über das Schlachtfeld ritt, die bleichen Züge seines Freundes erkannt, er schwang sich vom Pferd, kniete nieder zu ihm, rief mit schmerzlichen Tönen seinen Namen, aber jener hörte nicht mehr, die bleichen Lippen, die er küßte, sie konnten seinen Abschiedsgruß nicht erwidern. Da nahm er mit einer männlichen Träne jenes Andenken, und es hat ihn in Glück und Unglück begleitet. Ich sah wieder nach ihm hin; er warf bald nachdenkliche Blicke über das Land hin, bald zeichnete er mit fester Hand seine Gedanken auf, und nichts schien mir gewisser, als daß dieser alte Offizier (ich ließ ihn jetzt zum General avancieren) das Land durchfliege, um seine militärischen Erinnerungen aufzufrischen und – seine Memoiren über die Feldzüge der Franzosen zu ergänzen.

Sieben bis acht Uhr.

Die junge Dame ist eingeschlafen oder scheint wenigstens zu ruhen; noch immer ist ihr Gesicht neidisch verhüllt. Der junge Schneider an meiner Seite läßt seinen großen Hummerkopf bald links, bald rechts fallen, ohne aufzuwachen. Aber der junge Bursche im blauen Hemd ist erwacht, und wunderbar! zwischen ihm und dem General oder Oberst entspinnt sich ein Gespräch; ich lausche, aber es ist nicht Englisch, nicht Deutsch, weder Französisch noch Holländisch; am meisten Aehnlichkeit hat es mit dem Italienischen, und ich würde den Offizier für einen Korsikaner oder einen Veteranen der italienischen Armee halten, kämen nicht Worte in ihrem schnellen Gespräche vor, die völlig fremd tönen. Doch muß es wenigstens nicht die Muttersprache des Jüngern sein, denn er scheint sich hie und da auf den rechten Ausdruck zu besinnen, und der ernste ältere Mann weist ihn mit einem leichten Lächeln zurecht. Der dicke Holländer ist jetzt mit tiefem Stöhnen auch erwacht, betrachtet seine Nachbarn einen Augenblick aufmerksam, lauscht auf ihre Sprache und fragt dann langsam und höflich: »Vos este Espanol, Senor?«

Ah! dachte ich, vielleicht ein edler, vertriebener Spanier, vielleicht ein Genosse Minas?

Aber man denke meinen Schrecken, als der Oberst, der General, Empecinados und Minas Genosse, der interessante Mann in österreichischem Dialekt antwortete: »Um Vergebung, wir sind halt böhmische Glashändler, mein Neffe da und ich, und reisen nach Sevilla, wo ich mit Trink- und Tafelgläsern handle.« Und nun erzählte er unerträglich breit und langweilig, daß sein Bruder in Frankfurt einen Glashandel habe, daß Stoffel, der Neffe, daselbst in Kondition gestanden und jetzt auch auf sechs Jahre nach Spanien gehe; wie dort der Glashandel beschaffen sei, und wie viele tausend Trinkgläser sie alljährlich schmuggeln und verkaufen. Ich verwünschte den Böhmaken, seine Adlernase, sein schönes Auge, seinen ehrwürdigen Bart und den holländischen Krämer, der ihn zum Sprechen gebracht; ich verwünschte vor allem meine eigene Torheit, von einem General der alten Armee zu träumen; seine silberne Uhr fand ich jetzt ganz in der Ordnung, in sein schmieriges Souvenir schrieb er keine erhabenen Erinnerungen, sondern Kunden und Gläser ein, und wenn er mit dem melancholischen Auge über das Land hinstreifte, setzte er Kaisergulden in Dollars, und schlechte Konventionskreuzer in schlechtere Maravedis um. Ich schämte mich, in der Physiognomik noch so weit zurück zu sein; denn jetzt hatte der alte Kerl allen Schimmer der Einbildungskraft verloren und erschien mir, genauer betrachtet, wie ein ganz gewöhnlicher böhmischer Musikant, wie man sie, gelb und sonnenverbrannt, mit dicken Bärten und dunkeln Augen umherziehen sieht; um ihn nicht zu sehen, schloß ich die Augen und drückte mich in meine Wagenecke.

Acht bis neun Uhr.

Das Auge der schönen Dame glänzt wieder, aber der Wind mag ihr noch zu heftig sein, sie hat die Kapuze noch immer nicht zurückgeschoben. Der dicke Mann sucht ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, aber sie antwortet einsilbig, und diese Zurückhaltung freut mich, denn ich kann den feisten Holländer, seit er Spanisch sprach, noch weniger leiden als zuvor. Er fährt übrigens mit großer Ruhe fort, ihr den Namen jedes Dorfes zu nennen, das man an der Landstraße sieht, und weiß einige Anekdoten von dem Maire von Fouligny, welches eben hinter uns liegt, zu erzählen. Dabei lacht er aber immer zuerst, legt, wenn die Schneide der Anekdote kommt, seine Hand zutraulich auf den Arm der jungen Dame, um sie gleichsam einzuladen, sich ebenfalls mit ihm und den Böhmen halb tot zu lachen, und hält es für keine Beleidigung, wenn sie (offenbar mit einem Seitenblick auf mich) unwillig ihren Arm zurückzieht.

Der dicke Mann befand sich gerade mitten in einer Geschichte, die zu meiner großen Besorgnis für das zarte Ohr der jungen Dame etwas obscön zu werden drohte, als man hinter dem Wagen einigemal heftig: halte! postillon! halte! rufen hörte; zugleich jagte ein Reiter vorüber, der einen großen Brief emporhielt. Der Wagen hielt, Kondukteur und Postillon fluchten; der erstere schwang sich nach einigem Wortwechsel von seinem Imperial herab und trat dann mit dem großen Brief an unserem Schlag herauf, musterte die Gesellschaft aufmerksam, zog seine Mütze und bot den Brief herein. Ich saß zunächst, nahm ihm den Brief aus der Hand und las die Ueberschrift: A monsieur, monsieur le Comte Blankenspeer, à Saarbruk, poste restante, citissimo. Da stieg der schlafende Schneider auf einmal bei mir im Preis, denn niemand anders konnte der Graf sein; des Kondukteurs allons, monsieur! und ein Stoß, den ich ihm in die Seite gab, weckten ihn; ich überreichte ihm den Brief, er starrte ihn gedankenlos an und gab ihn dann kopfschüttelnd und murrend zurück. Der Kondukteur wurde ungeduldig über die Zögerung: »Allez, messieurs,« rief er, »qui est donc monsieur le Comte de Blanquesepère?«

»Ist der Brief an mich?« fragte der Holländer verwundert, riß ihn mir aus der Hand, las flüchtig die Adresse – und erbrach das Siegel. Schnell zog er darauf die Börse, befriedigte den Kurier, den man ihm nachgeschickt hatte, und der Wagen fuhr weiter. Aber ich – sah mich zum zweitenmal getäuscht, und um so bitterer, als der Herr Graf zwar nach wie vor die Miene eines holländischen Käsekrämers behielt, aber das Mädchen mit den schwarzen Augen es jetzt gar nicht mehr bemerken zu wollen schien, daß seine Hand schwer auf ihrem runden Arme ruhe; ja, zu meinem Aerger lachte sie sogar einigemal mit heller Stimme auf, als der Herr Graf die Gnade hatte, einige Schnurren aus seinem Leben zu erzählen.