Von neun bis zehn Uhr.

In Courcelles wurde zum Frühstück angehalten. Wir traten in das freundliche Zimmer, wo bereits auf dem großen Roste die Kotelettes knisterten; die Männer legten Mützen und Mäntel ab; das Gewölk, das um das Haupt der Jungfrau hing, zerriß plötzlich, und mir war, als erwache ich jählings aus einem schmeichelnden Traume. Wer sah nicht schon ein unbekanntes Schloß aus dem Morgennebel tauchen? Man mustert es; es ist bewohnt, ist nicht übel gebaut, ist vollständig unter Dach, aber der Totaleindruck, und hier eine Efeuranke, dort eine unvermauerte Ritze, hier ein Krähennest, dort ein schlimmer, einspringender Winkel am Dachstuhl verkünden laut, es habe seine schönste Zeit gesehen. Wenn ein solcher Zustand einer Baulichkeit herkömmlichermaßen etwas Poetisches hat, so war der analoge Zustand meiner Reisegefährtin nur zu sehr geeignet, mich in die platte Wirklichkeit zurückzuwerfen; kurz, ich hatte ein ziemlich erhaltenes Exemplar einer alten Jungfer vor mir, und die schönen, schwarzen Sterne, die Verführer meiner Einbildungskraft, und die Reminiszenzen einer Jugendblüte, die keine Frucht getragen, preßten mir jetzt nur den Seufzer aus: warum kann man solche Brillanten nicht aus der alten Hülse brechen und modern fassen lassen? Wie mancher Seigneur châtelain mit jedem Quader, der von den Zinnen seines Erbsitzes in den Graben stürzt, froher und lebenslustiger wird, so war meine Unbekannte, wie dies so gewöhnlich ist, mit den Breschen, welche in den Wall ihrer Zähne gefallen waren, regsamer, ihre Zunge geläufiger geworden; denn kaum hatte sich der General-Glashändler einen Zipfel der Serviette in das Ordensknopfloch gesteckt, kaum standen die duftenden Kotelettes auf dem Tisch, so sagte mir die Kadenz ihres quiekenden Sprachinstruments, daß sie eine meiner südlichen Landsmänninnen aus den Grenzmarken von Schwaben und Franken sei, und ungefragt gab sie uns zum besten, wie sie ihren Herrn Bruder, den Kaufmann Morgenstern zu Paris, in einer wichtigen Angelegenheit besuche. Ihr Herr Bruder habe im vorigen Jahre durch die grobe Unwissenheit der französischen Hebammen den Stammhalter des französischen Zweiges des Morgensternschen Hauses verloren; da nun jetzt wiederum nahe Hoffnung zum Aufgang eines neuen Morgensternes sei, so habe er sich entschlossen, trotz der französischen Erziehungskunst, trotz der Protestationen von Madame, denselben à l'allemand aufgehen zu lassen, und deshalb sie, seine Schwester, berufen, die durch langjährige Praxis sich damit vertraut gemacht habe, wie in der Morgensternschen Familie die Sauglappen gebunden und der Kinderbrei gebraut werde. Zur Bekräftigung ihrer Aussage und damit in keinem Winkel unserer Herzen ein Argwohn über ihren wahren Charakter bleibe, teilte sie uns mit triumphierender Miene lithographierte Karten aus, auf denen in gotischen Buchstaben zu lesen stand: Jules Morgenstern, marchand tailleur, palais royal, galerie de bois No. 65 à Paris etc. Unter diesem interessanten Gespräch ging das schmackhafte Frühstück vorwärts, alle Details einer deutschen Wochenstube wurden besprochen und mit den französischen Instituten derselben Art verglichen. Der Herr Graf, überhaupt ein sehr leutseliger Herr, ging mit Herablassung und Sachkenntnis in die populäre Materie ein, und selbst die Böhmen fanden beim Artikel der Milchgläser und Saugflaschen Gelegenheit, ein kritisches Wort anzubringen. Auf diese Weise war die Genesis sämtlicher gräflich Blankenspeerschen und Schneider Morgensternschen Sprossen abgehandelt worden, und schon begann ich zu fürchten, daß nun die Reihe an die böhmische Deszendenz kommen möchte, als sich der Kondukteur den Mund wischte, und Madeleine mit ihrem Teller und ihrem: Messieurs, n'oubliez pas la fille! das Zeichen zum Aufbruch gab. –


Hochzeitgruß an Karl Grüneisen.

Berlin, den 18. September 1826.

Mein lieber Vetter!

Entweder kommt dieser Brief vor Deiner Hochzeit zu Dir, oder er kommt gerade recht dazu oder nachher. In beiden ersten Fällen begünstigt mich der Zufall, im letztern wirst Du auch post festum den guten Willen für die Tat nehmen. Ich möchte Dir nämlich recht viel Glück und Segen in diesem Stande wünschen, und diese, Du hast sie ja schon, sollen lange und ungetrübt bei Dir verweilen. Wie ich noch klein war, dachte ich mir das Heiraten als eine sehr leichte Sache und wußte nicht, warum die Leute so viel Wesen davon machen und sogar in die Kirche gehen. Ich dachte, sie ziehen zu einander, die beiden Brautleute; er sorgt dafür, daß Geld ins Haus kommt, und sie kocht ihm dafür allerlei, was er haben mag, und hält Haus. Es ging mir aber damit wie mit dem Konfirmieren. Auch bei diesem Aktus kamen mir die Menschen und ihre Zeremonien wunderlich vor; die Knaben und Mädchen blieben ja, was sie waren, und wuchsen unter der Hand des Pfarrers um keinen Zoll. Als ich aber selbst dabei war, da ging es mir in einem andern Lichte auf. Ich tat einen kurzen, aber ernsten Blick aufwärts und dann ins Leben vor mir, und da kam mir alles so feierlich vor und hatte eine andere Bedeutung gewonnen. Der Pfarrer trug nichts dazu bei, wohl aber ein anderer. So denke ich mir, wird es auch beim Kopulieren sein. Es gibt Augenblicke, wo der Vorhang vor unserer Seele auffliegt, wo wir ahnungsvoll in die Zukunft blicken. Welch reiche Aussicht hat in solchem Moment ein Hochzeiter! Liebe, treue innige Liebe, und Kindtaufschmäuse, und Weihnachtsbäume, die er anzündet und die dennoch auch ihm leuchten, und Spielsachen und das erste Wort des Kindes; und wenn es erst gehen kann, und wenn die Mutter es singen lehrt, singen die einfach schönen Lieder des Vaters, die er der Mutter dichtete in den Tagen der Jugend! Und wenn Deine Blicke weiter und immer weiter hinausgehen, wenn Enkel um Euch spielen und am goldenen Abend singen: »Und als Großvater die Großmutter nahm, da war Großvater ein Bräutigam.« Schöne Aussicht! und wie feierlich wird sie erst, wenn Dein Auge vorüberstreift am Krankenlager, am Kummer häuslicher Leiden, an mancher tränenschweren Stunde, die jedes wartet, so lange er auf der Erde geht. Da faßt wohl Deine Hand mutig die Hand der Geliebten, da schaut getrost Dein Auge in ihr Auge, da denkst Du wohl, geteilter Schmerz ist halber Schmerz. Und Du hat recht; auch Leiden zu teilen mit der Geliebten, muß süß sein, denn unglücklich ist nur der Einsame.

Glück auf den Weg, mein lieber Vetter, Euch kann es nimmer fehlen, denn Eure Seelen haben sich in einem reinen, klaren Element, im Reiche der Töne, gefunden und verstanden, und gehört denn dieses Reich nicht mehr als jedes andere dem Jenseits an?

In meine innigen Wünsche für Dein Wohl stimmen alle Deine Freunde und Freundinnen in Bremen und Berlin ein; Hitzigs und der Frau v. Chamisso mußte ich Deine l. Frau oder Braut wiederholt beschreiben, und die Ohren müssen Euch geklungen haben, als wir in Bremen im alten Rheinwein Euer Wohl ausbrachten.

Wie gerne hätte ich meine Wünsche in einige Reime gebracht, weil nun einmal Karmina üblich bei derlei Gelegenheiten, aber Du weißt, man muß dazu aufgelegt sein, und einem Dichter möchte ich nicht gerne schlechte Verse zur Hochzeit schicken. Nimm mit diesen Zeilen vorlieb und mit einem redlichen Herzen, das Dir Gutes wünscht. Grüße mir Onkel, Tante und Base Luise; Deiner Liebsten aber küsse, Du tust es ja gerne, die schöne Hand und die blanke Stirne im Namen