Zweiter Teil.
Das Unkraut im Weizen.
Die höllischen Latwergen und Rhabarbermüschen aus der Leumundsiederei Schulderoff und Komp. taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen großgezogen werden und sicher einmal an einer Intrige sterben, die sie gegen den Tod oder den Meister Urian anzetteln – Onkel Sorben hatte kaum den Brief seiner liebenswürdigen Posaunenseraphsnichte zu Gesicht bekommen, als er wie wütend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die Geschichte so geschickt, so fein eingefädelt gewesen, und Geschenke – vom Herrn eine Dose, vom Staatssekretär ein Staatssouper, von der Gräfin ein Paar Pferde, und sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie verschmäht, und dies alles sollte ihm so ein naseweises Ding, die kaum hinter den Ohren trocken, wegliebäugeln.
Die Röte des Zornes lag noch auf seinem Gesichte, als er bei der Gräfin vorgelassen wurde, er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr täglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte, denn die Gräfin schien mit Mühe sehr heiter zu sein, ihr kolossaler Busen wogte ungestüm auf und ab.
»Exzellenz,« krächzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor, »Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem Zukünftigen aus Freilingen.« – Die Gräfin und der Rittmeister warfen sich bedeutende Blicke zu, aber der graue Hofmann ließ sich nicht merken, daß er es gemerkt habe – »ja, aus Freilingen; er soll dort en passant ein galantes Verhältnis mit einer jungen Dame, des Präsidenten von Sanden Tochter, angeknüpft haben; solches wäre nun unter andern Umständen ziemlich gleichgültig, Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus dem Brief aus Warschau erinnern, daß der Herr Graf ein Schwärmer genannt wurde, und einem solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr–«
»Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht, und ich danke Ihnen für Ihren Eifer. Die Sache ist übrigens einmal so weit eingeleitet, daß das Gräfchen daran muß, es mag wollen oder nicht; – was schreibt sein Onkel?«
Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz außer Fassung, denn sein Gewissen sagte ihm, daß er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel spiele; als nämlich Graf Martiniz ins Land kam, als man überall von seinem Reichtum sprach, der Staatssekretär ihn für eine gute Prise erklärte und alle Segel aufspannte, um ihn für die Gräfin zu kapern, da wollte es Sorbens Glücksstern, daß ihm eine bedeutende Rolle zufiel.
Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschäft war es daher, den alten Polen für die Heirat seines Neffen mit der Gräfin Aarstein zu gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes Spiel haben, der alte Graf wußte ja nichts von den fatalen Verhältnissen der Aarstein, und – ja es mußte gehen, er schrieb dem alten Martiniz und trug ihm gleichsam die Hand der Gräfin für den Neffen an. Mittlerweile hatte er, um sich bei der Gräfin, die dem regierenden Hause so nahe verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem großen Einfluß peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe, und jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich gesagt: »Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole muß wollen, was ich will, und damit holla!«
Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader Freund wieder geantwortet, daß diese Verbindung mit einer so erlauchten Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur größten Ehre gereichen könne, und daß er sich unendlich freue, die schöne Gräfin einmal als seine Schwiegernièce zu umarmen; bis hierher war es nun ganz gut, jetzt aber kam der Haken; – was übrigens sein Votum in der Sache betreffe, schrieb er weiter, so müsse er sich mit Wünschen begnügen, denn er habe den Grundsatz, in solche Affairen sich auch nicht im geringsten einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser Seite vollkommen und wisse, daß er ihm zu keiner Verbindung weder zu- noch abraten werde. Er solle einmal nach Liebe heiraten, natürlich nicht unter seinem Stand; wenn er aber diese Grenze nicht überschreite, gebe er seinen Segen zu jeder Wahl.