Es war der 4. Jul., der jedem amerikanischen Bürger theure Jahrestag der Unabhängigkeits-Erklärung der Vereinigten Staaten, der wie immer von der amerikanischen Flagge recht mit Ehren gefeiert wird. Bei Sonnenaufgang hißte der Steamer und die beiden Schooner die Flagge, und vom Bord stiegen eine Masse Raketen in den blauen Himmel, wir aber grüßten die stolzen Sterne und Streifen mit einer dreifachen Salve.
Wir suchten die Ausschiffung unserer Effecten zu beschleunigen, die einige Schwierigkeiten verursachte, da abermals ein Zollbeamter Einwendungen gegen die Einfuhr meines Alkohol, der allerdings hier Monopol ist, erhob, doch nach Erklärung des Zweckes gab er sich zufrieden, nur hatten sich während der Debatte eine Partie zerlumpte Soldaten, deren ganze Uniform in Flinte und Patrontasche bestand, und die meine Effecten bewachen sollten, in einige Forschungen über den Inhalt des Getränks vertieft. Bald war jedoch Alles auf einen großen zweirädrigen Ochsenkarren, dessen Räder wie die der Kanone aus einem Baumstamme geschnitten waren, geladen; das Deichselgespann ward von einem auf dem Wagen stehenden Mann nach antiker Art mit dem Speer gelenkt, voraus ging ein nackter Kerl, mit einer Art langer Decke drapirt, in der Hand die unvermeidliche Macheta, mit der er, dem Vordergespann auf das betreffende Horn hauend, die Richtung bezeichnete. Die Ochsen sind daran gewöhnt daß kein Lenkseil gebraucht wird, daher haben Zug-Ochsen oft ganz zerhackte Hörner, oft auch wird aus Mißverständniß ein Stück Ohr mit abgehauen.
Ich fand hier den bekannten Gelehrten Hrn. Fröbel, dessen Bekanntschaft ich voriges Jahr in New-York gemacht hatte, und nachdem die Freude des Wiedersehens vorüber war, brachte ich mich selbst und mein Gepäck im Hause eines Hrn. Dr. B. unter, der mir ein großes Zimmer freundlichst abtrat.
Es war mir endlich verstattet, nachdem ich meine Koffer und Kisten, deren Inhalt durch die viele Feuchtigkeit an einigen Stellen mit Schimmel und Moder bedeckt war, ausgepackt und gelüftet, meinen strapazirten Körper mit gründlicher Reinigung, frischer Wäsche und reinen Kleidern zu laben, und das war eine wahre Wohlthat, denn ganz bedeckt vom Schmutz des Bootes und der Wälder, kostete es mir nach jedem Bad im Fluß keine geringe Ueberwindung wieder in meine Schmutzhülle zu schlüpfen. Nach dieser nöthigen Reinigung gab ich einen Bündel Briefe ab, wobei Dr. B. (ein Deutscher) meinem mangelhaften Spanisch als Dolmetscher zu Hülfe kam. Ueberall ward mir der freundlichste Empfang zu Theil, denn sowohl Hr. Squier als Herr Marcoleta (Gesandter in Washington) waren sehr geachtete Persönlichkeiten, und überall erhielt ich Einladungen zum Besuch und Aufenthalt in Hacienden, von denen ich zuerst die Don Jose Sandovals, eines freundlichen alten Spaniers, benutzen werde, um einige Tage auf seinem schönen großen Besitzthum zuzubringen.
Ich war eben nach Hause zurückgekehrt als der Präsident, in Begleitung des Vice-Präsidenten, den hiesigen Amerikanern und meiner Wenigkeit zur Feier des 4. Jul. eine Einladung zu einem Festessen und Bankett überbrachte, welche ehrende Auszeichnung ich mit Dank annahm. Um 4 Uhr begab ich mich in Gesellschaft F's. und des Dr. B. in das Fest-Local.
Die Häuser sind nach Art der maurischen Häuser in Algier gebaut. In der Mitte ein sehr großer Hof, umgeben von Säulengängen, an welche die verschiedenen Gemächer des Hauses stoßen. Nach der Straße hin ist meist eine große Empfangs-Halle, welche hier als Fest-Local mit den Flaggen der Union und Nicaragua's und mit einer Menge ungeheurer Palmenzweige geschmückt war. Ingleichen waren die Colonnaden des Hofs durch Palmen in Baumgänge verwandelt, und da jeder Hof hier mit Pflanzen geziert ist, zwischen denen immer eine Menge zahme Papageien und andere Vögel, auch wohl zierliche Rehe herumlaufen, gewährte das Ganze einen überaus lieblichen Anblick, mehr noch als bei einbrechender Dunkelheit eine Masse von Lichtern durch das Grün schimmerten. Außer den angesehensten hier wohnhaften Bürgern der Vereinigten Staaten waren als Ehrengäste zugegen: der Präfect, der Commandant des Militärs, einige andere Beamte und einige der angesehensten Eingebornen und Franzosen.
Der Präsident, Hr. Coterell, erinnerte in kurzer Ansprache an den Zweck der Feier, und nachdem an der reichgeschmückten Tafel, auf der zwischen ganzen gebratenen Rehen und gewaltigen wilden Truthühnern nordische Leckerbissen in Gesellschaft der üppigsten Südfrüchte prangten, den gastronomischen Forschungen eine kurze Zeit gewidmet war, erhob man die Gläser, in denen rheinische Weine, Port und Madeira blinkten, und der perlende Sohn der Champagne, seiner silbernen Bande entledigt, schäumte, und brachte zuerst die bei jeder amerikanischen Feier des 4. Julius üblichen regulären Toaste, denen sich dann eine Menge anderer anschlossen.
Ein Toast aber ward durch einen sonderbaren Zufall besonders feierlich. Bei jedem Gläserklingen antwortete von der Hauptwache ein Kanonenschuß, und gegen Abend kam das unausbleibliche Gewitter wieder herauf. Es waren eben die Worte gesprochen worden: »Wir trinken in der Stille dem Andenken des großen Georg Washington!« – Jeder brachte schweigend und erhoben sein Glas an die Lippen, da übernahm der Himmel selbst den üblichen Salutschuß durch einen furchtbaren Donnerschlag, der die Erde in ihren Grundfesten erzittern machte, und ich läugne nicht, daß ich, wie gewiß alle, das Glas mit einer Art von andächtigem Grausen leerte. Eine Musikbande spielte in der Veranda während des ganzen Mahles, und bis in späte Nachtstunden blieben die Genossen in ungezwungener Heiterkeit beisammen, welche durch die anerkennungswerthen Bestrebungen des Herrn Coterell nie die üblichen Formen der Wohlanständigkeit überschritt.
Einige Veränderungen im Ministerium und der Regierung ließen es mir räthlich erscheinen, meine Depeschen andern Tags persönlich an ihre Adressen abzugeben. Ich habe meine Reisevorbereitungen getroffen, mein Pferd ist auf Don Sandovals Hacienda gehörig ausgefüttert und stark und wohl geeignet eine strapaziöse Reise zu ertragen, die zu erwarten steht, da die Regenzeit, in der wir leben, die Wege bodenlos gemacht hat. In einer Beziehung ist mir's lieb, daß noch sechs bis acht Tage hingehen, ehe ich anfange zu malen, denn die empfangenen Eindrücke sind alle so neu und bewältigend, daß ich nothwendig dieselben erst ordnen und klar machen muß. Ich habe eine Menge der mannichfaltigsten und schönsten Gegenstände für Studien gefunden, und sobald ich meine Verpflichtungen gegen die Regierung erfüllt, werde ich mit großer Freude an die Arbeit gehen, und bleibe ich von Krankheit verschont, was ich wünsche und hoffe (denn seit ich hier bin erfreue ich mich eines ganz außerordentlichen Wohlbefindens), so denke ich ein reiches Portefeuille zu sammeln. Sehr froh bin ich, daß ich statt des Daguerreotyps, wie ich erst beabsichtigte, ein Phototyp mitgenommen, denn ein Amerikaner, der ein Daguerreotyp hieher gebracht, war ganz in Verzweiflung, daß er während der trocknen Jahreszeit keine Platte poliren konnte, da der die ganze Luft erfüllende Sandstaub alle Politur zerkratzte. Ich hoffe besonders von interessanten Gruppen der Indianer, die nicht gern still stehen sich malen zu lassen, sowie von naturhistorischen Gegenständen manche gute Beute damit zu machen, und so reut mich die für meine Umstände bedeutende Ausgabe von 150 Dollars, die ich dafür gemacht, nicht. Auf der andern Seite thut mir's sehr leid, daß ich mein Sammeln von Insecten und Vögeln nur in so kleinem Maßstab betreiben kann, da die Transport- und Packmittel für dergleichen Gegenstände sehr theuer sind und meine Kräfte übersteigen. Ich werde meinen Vorsatz, eine Collection an einige deutsche naturhistorische Cabinette zu schicken, nicht ausführen können, und außer einem Geschenk an Freund M. werde ich mich lediglich auf das Institut in Washington, das mir eine Summe für diese Zwecke zur Verfügung gestellt, beschränken müssen. Hier ist einer von den wenigen Fällen, wo ich mehr bemittelt zu sein wünschte, denn es hindert mich diese Mittellosigkeit an der Erreichung eines schönen Zwecks.
Nach meiner Rückkehr von Leon halte ich mich hier auf, um Hrn. Squiers Ankunft abzuwarten und Stadt und Umgegend auszubeuten. Sobald es die Jahreszeit erlaubt, will ich eine Besteigung des Mombatch, der über der Stadt sein Haupt erhebt und jetzt beständig in Wolken gehüllt ist, unternehmen. Mein nächster Brief wird entweder eine Beschreibung meiner Reise nach Leon, oder eine genauere Beschreibung Granada's enthalten, welches wohl derselben werth ist, denn es ist an dem schönen See mit seinen zierlichen Ufern höchst pittoresk gelegen, und bietet im Innern eine Menge malerischer Ansichten. Das Leben selbst ist ebenso reichhaltig, daß es, sowie die Verhältnisse der ganzen Stadt, vielfach malerischen Stoff bietet.