Am Fuß des Castells liegt ein Rancho (Rohrhütte). Hr. W., ein Agent der Canalcompagnie, ist mit einer Anzahl Indianer beschäftigt einen Landungsplatz für das Dampfboot zu bauen. Er klagte sehr über die Schwierigkeit, die Indianer zu guten Arbeitern zu machen. Mit Ausnahme einiger Aexte, die von der Compagnie geliefert wurden, bedienen sie sich lediglich der Macheta. Dies ist ein Messer, welches, je nach der Sitte des Landes, von der Größe eines langen Dolches bis zu einem sehr schwerfälligen Säbel anwächst, und zum mannichfachsten Gebrauch dient. Man haut damit sein Holz, baut ein Haus, was jedoch bei diesen Rohrhütten nicht viel sagen will, schneidet Fleisch und braucht es als Waffe. Die Indianer hackten damit nach Anweisung am Holz herum, und schienen sich zuletzt selbst zu wundern, wenn ein Stamm zurecht gehauen war. Es wird bald der Plankenweg fertig sein, und eben ein solcher an den Machuca gebaut werden.
Als ich von San Juan abging, war eben eines der kleinen eisernen Dampfboote angelangt, und man arbeitete an dessen Zusammensetzung; zwei andere folgen nach, und es wird in jeder der drei Hauptabtheilungen des Flusses eines gehen. Wird der Fluß angesiedelt, so werden jedenfalls an diesen Plätzen zuerst Dörfer entstehen. Bald vielleicht wird sich ein American-Eagle-Hotel oder Independence-Hotel erheben und diesem fruchtbaren Boden eine Ernte abgewonnen werden.
Zwischen beiden Bootsleuten entspann sich ein Streit, und dem einen ward mit der Macheta ein Stück aus dem Backen gehauen. In den Augen der Indianer ist jeder weiße Mann ein Doctor; durch meine Purganzen und Vomitive, sowie durch den Aderlaß war die Thatsache noch mehr festgestellt, und jetzt mußte ich nolens volens des Mannes Backen zusammenflicken. In Ermangelung chirurgischer Nadeln legte ich ihm mit einer gewöhnlichen Nähnadel Heftlöcher an. Der arme Teufel stand viel Schmerzen aus, doch flickte ich ihn übel und bös zusammen, und pappte schließlich ein Heftpflaster darüber; wenn die Backe schief heilt, ist's nicht meine Schuld. Lieb wäre mir es aber doch, wenn meine chirurgischen Kenntnisse nicht zu arg auf die Probe gestellt würden.
An diesem Platze waren wiederum Moskitos und Bremsen, deren Stich wie Feuer brennt, sehr lästig, daher setzten wir so schnell als möglich unsere Reise auf dem jetzt ruhiger fließenden Fluß mit günstigem Fahrwasser fort. Ich überraschte einen Kaiman im Gras schlafend, und schoß ihn durch das Blatt; er suchte noch das Wasser zu gewinnen, doch kam ich ihm zuvor, und stach ihn zweimal mit der Macheta in die Weichen, wobei er mich mit einem Schwanzschlag in das Wasser warf. Ehe ich wieder im Trockenen war, hämmerten schon die Indianer auf seinem Kopf herum, und ich konnte nur das Gebiß retten. Es war ein Weibchen, maß 11 Fuß und hatte im Magen ein ganzes Hirschkalb. Die Flußufer sind hier flach und wie überall der Boden höchst üppig.
Am 30. Mittags langten wir im Fort San Carlos an. Hier stand früher gleichfalls ein großes Fort, das die Mündung des Sees beherrschte, aber von den Engländern Ausgangs des verflossenen Jahrhunderts in Trümmer gelegt ward, in welcher Action der junge Nelson als Midshipman eine seiner ersten Waffenthaten verrichtete. Das jetzige Fort besteht aus einer verfallenen Schanze, auf derselben ein Haus für ein bis zwei Dutzend Soldaten, ein etwas besseres für den Commandanten. Neben der Flagge von Nicaragua steht eine alte vom Rost zerfressene Kanone (etwaige Schmugglerboote aufzuhalten) auf einer Laffette, deren Räder aus einem quer durchgeschnittenen Stamm bestehen. Beim Abfeuern dieses Geschützes sehe ich weniger Gefahr für den Feind als für den Artilleristen, der es loszubrennen hat. Einige Dutzend Kugeln rosten im Gras, doch liegen demontirt auch einige schöne bronzene 32-Pfünder mit der Jahreszahl 1618 im Sand. So günstig auch dieses Fort für die Vertheidigung liegt, so würde es doch in seinem jetzigen Zustande von zehn derben Leuten mit Leichtigkeit zu nehmen sein.
Die am Fort liegende Ortschaft war lange ganz verlassen, doch sind jetzt wieder einige Dutzend Rohrhütten erbaut, und bei eintretendem lebhaften Verkehr wird dieser Ort jedenfalls ein wichtiges Settlement werden; in seinem jetzigen Zustand jedoch kann es füglich mit San Juan gleichgestellt werden.
Hier ist die Douane der Republik Nicaragua, welche die Reisenden sehr quält, denn die kleinste Kiste muß ausgeladen und untersucht werden. Ich machte hier zuerst von meinen Papieren Gebrauch, und erlaubte nicht daß man mein Gepäck berührte. Die Douanenbeamten, sei's weil sie nicht verstanden oder verstehen wollten, gaben sich indeß nicht zufrieden und wollten selbst ausladen, da erschien der Douane-Inspector und der Commandant des Forts. In San Juan hatte eine Auction stattgefunden, in welcher unsere Schiffsgesellschaft, für den Fall, daß wir den 4. noch auf dem Fluß oder See sein sollten, einen Korb Champagner erstanden. Als die beiden Herren erschienen, nahm ich eine Flasche, legte sie an den Backen, und schoß den Pfropfen auf den Douane-Inspector ab, dem Commandanten meine Beglaubigung gebend. Durch beides zufrieden gestellt, leerten wir diese und noch eine Flasche auf unser gegenseitiges Wohl, während welcher Zeit der Hafencommandant sich entschuldigte, daß er meinen Salutschuß mit dem Champagner, wegen spärlicher Munition aus seinen Geschützen nicht erwiedern könne. Als die Fracht die Douane passirt hatte, schieden wir mit gegenseitigen Achtungsversicherungen.
Die Fahrt über den See, welche 110 Miles beträgt, begann wieder des Abends, allein ein ungleich lieblicherer Anblick bot sich mir, als beim Beginn der Reise. Die ungeheure Wasserfläche, nach vorn den Horizont bildend, wird rechts und links begränzt von schönen Gebirgen, und während links die große Gebirgskette sich nach Costarica hinabzieht, erheben sich inmitten des Sees die Gipfel der beiden großen Vulkane des Ometepa-Islands majestätisch in die Wolken. Links, südlich, sind die Mündungen des Rio Frio, umkränzt von üppigem Pflanzenreichthum, während Baumgruppen ganz übersäet von Purpurblüthen sich rechts erheben. Ein von Norden heraufziehendes Gewitter erfüllte die Luft mit imposanten Wolkenformen, während die abendliche Spiegelung derselben den See in reiche Farbenpracht kleidete.
Unser Boot gleitete unter seinem ärmlichen Segelwerk leise im Abendwind dahin; als jedoch das Gewitter in gewohnter Heftigkeit losbrach, getrauten sich die Bootsleute nicht dem Sturm Trotz zu bieten, und ankerten im See bis Anbruch des Tages. In der nächsten Nacht war kein so starker Wind, der Mann am Steuer aber schlief fortwährend, so daß wir uns selbst über das Boot erbarmten und mit Hülfe einer eben veröffentlichten (Colton) New-York-Karte und eines Taschencompasses weiter segelten bis Tagesanbruch.
Der See von Granada ist der größte in Centralamerika, giebt den großen canadischen Seen nicht viel nach und ist mit umfangreichen Inseln besäet, deren größte, Omatepa, zwei Vulkane von 5-6000 Fuß besitzt und 30,000 Einwohner hat. Ein in der nächsten Nacht losbrechendes Gewitter, das unser kleines Fahrzeug gleich einer Nußschale herumwarf, nöthigte uns in unmittelbarer Nähe des Landes zu ankern. Gegen Morgen ruderten wir vollends bis Granada, und vor Sonnenaufgang hatten wir neben dem kleinen amerikanischen Steamer, dem ersten, welcher diesen See befährt, geankert.