Doch indem ich mich so in Schilderungen des Lebens in Granada vertiefe, vergesse ich ganz, euch von meiner Reise nach Leon zu berichten.

Nachdem ich einige Ruhetage benutzt hatte, um aus dem Mr. Squier gehörigen und hier zurückgelassenen Eigenthume für mich ein starkes und rasches Pferd mit Sattel und Packtaschen, für einen Diener ein kräftiges Maulthier zu wählen, die Büchse und meine herrlichen Revolvers[1], ein Reisegeschenk meines ehrenwerthen Gönners de Rhame in New-York, vom Schmutze der Reise zu reinigen, frisch zu laden und einige Munition nebst Wäsche einzupacken, während ich von meinem freundlichen Wirthe, Don Narciso Espinosa, eine leichte Vogelflinte nebst einer unbändig langen Doppelpistole für meinen tapfern Sancho Pansa geliehen hatte, trat ich am 9. Juli meine Reise in nomine domini an. Es circulirten eine Menge Gerüchte über Unsicherheit der Straßen, und ein Halbdutzend Morde, welche im Laufe der letzten Monate vorgefallen waren, bestätigten dieselben allerdings in nicht erfreulicher Weise. In Berücksichtigung der Regierungsdepeschen aus Washington, die ich nach Leon zu überbringen hatte, wurde mir vom Commandanten eine Escorte von zwei Lanciers angeboten; ich gestehe aber, daß ihr Ajustement und ihr ganzes Aeußere mich denn doch mehr Vertrauen in die Vorzüglichkeit meiner Waffen, meines Pferdes und meine geringe Person selbst setzen ließen. Ich dankte demnach höflichst für die Ehre, und zog es vor die Reise allein zu machen.

Durch die hier zu Lande übliche Art zu reisen wird man noch lebhaft an die Zeit der fahrenden Ritter erinnert. Jeder Reisende, der sich auf irgend eine Weise Säbel und Pistolen verschaffen kann, rüstet sich damit, und in Ermangelung letzterer baumeln doch wenigstens ein paar leere Pistolenhalfter am Sattelknopfe; wenn möglich, nimmt man auch eine mit Rehposten geladene Flinte mit, die entweder quer über den Sattelknopf gelegt, oder vom Schildknappen, wie weiland dem edlen Ritter Don Quixote die Lanze, hinterdrein getragen wird. Das Gepäck hat man theils selbst in Satteltaschen bei sich, theils trägt es der Diener vor sich auf dem Maulthiere. Gewöhnlich trottirt dieser voraus, den Weg zeigend; trifft man jedoch unterwegs mit anderen Reisenden zusammen, so reiten die Caballeros voraus, während die hinterfolgenden Diener sich gegenseitig von der Tapferkeit ihrer Gebieter, der unvergleichlichen Güte ihrer Waffen und Pferde u. s. w. tüchtig etwas vorrenommiren, was mit unvermindertem Eifer in jedem Nachtquartiere fortgesetzt wird, wo dann gewöhnlich der Wirth noch die allerabsonderlich grausenhaften Geschichten von Mordthaten zu erzählen weiß, die sich kürzlich erst ganz in der Nähe zugetragen haben sollen, natürlich in der menschenfreundlichen Absicht, den oder die Reisenden wo möglich noch den nächsten Tag dazubehalten.

Beim Mahle, meist aus gekochtem Reis, Huhn, Eiern und Fisch, nebst einigen steinharten rothen Bohnen und der unvermeidlichen Tortilla (einem aus Mais gebackenen flachen Kuchen, der die Stelle des Brodes hier vertritt) bestehend, wartet der Mozo (Diener) hinter dem Stuhle seines Caballero stehend, auf, lauert aber gierig auf den Augenblick, wo dieser sich erhebend, ihm die Reste der Speisen überläßt.

Früh, wo ich meist um 3 Uhr aufbrach, um die Morgenkühle zu benutzen, kostete es stets mannichfache Mühe und Arbeit, Diener und Wirth aus dem Schlafe zu rütteln, und bis die Thiere gefüttert waren, verging dann immer noch mehr als eine Stunde, weshalb ich in der Regel das Geschäft des Wecken schon um 2 Uhr begann, nichts destoweniger aber mit einer Strohcigarre vorlieb nehmen mußte, während der Magen erst im nächsten Dorfe, oft 14-16 Miles entfernt, bedacht werden konnte. Genug, man übersetze die Abenteuer und Irrfahrten des obgenannten unsterblichen Ritters ins Moderne, und man hat das leibhafte Conterfei eines Reisenden in Central-Amerika.

Der erste Theil des Weges nach Massaga, dem ersten Haltpunkte, war durch den vielen Regen grundlos geworden, und mein armes Pferd mußte immer aus einem Sumpfloche ins andere tappen. Die Maulthiere, durch welche fast der ganze Verkehr des Landes betrieben wird, treten immer wieder in die Fußstapfen des vorangehenden Thieres, an dessen Schweif ihr Zaum gebunden ist, so daß manchmal dadurch Reihen von 16-20 hintereinander entstehen; hierdurch wird aber bei Regenwetter die Straße zu einer Reihe nebeneinander und quer darüber hinlaufender Gräben, die, mit Wasser und Schlamm gefüllt, das Reiten ungemein erschweren, und da die hiesigen Pferde sehr kleinen Schlages sind, kaum 14 Hand hoch, so werden die Füße des Reiters mit den 4 bis 5 Zoll langen großgeräderten Sporen weidlich in den Koth getaucht. Ich zumal hatte oft Gelegenheit Betrachtungen darüber anzustellen, warum der liebe Himmel gerade mich mit so unziemlich langem Pedal ausstatten mußte. Bei besserem Wege ist die Gangart der hiesigen Pferde eine sehr angenehme Art von Paß, paso picarro hier zu Lande genannt. Ueberhaupt ist die Race ganz vortrefflich für hiesige Gegend, obschon man auf Broadway, in Hydepark oder dem Bois de Boulogne, im Berliner Thiergarten oder im Wiener Prater eben nicht sonderliche Bewunderung damit erregen würde.

Da es noch früh am Tage war, begegnete ich langen Zügen von Indianern, welche ihre Produkte, als: Mais, Bohnen, Cacao und Taback, zu Markte trugen, die, theils auf Pferden, theils in Netzen auf dem Rücken hängend, an einem breiten Gurt über die Stirn getragen wurden, wie man dies auch zuweilen in den Schweizerbergen sieht, eine abscheuliche Mode, die den Leuten das Aussehen von Zugochsen giebt. Mir erschien diese Art von Kopfarbeit eine höchst anstrengende, wie auch als der Grund der vielen Kröpfe, die ich hier herum wahrnahm.

Der Weg schlängelt sich theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald, bemerkenswerth durch die mächtigen und häufigen Gummibäume, theils führt er hin zwischen Bananen- und Indigofelder, umgeben von 5 bis 6 Fuß hohen wilden Ananas-Hecken. Hier und da bietet sich von der Höhe eines Hügels eine entzückende Aussicht nach den Seen von Granada und Managua und dem Tipitapa-River, begränzt von den lachendsten, fruchtbarsten Ebenen und majestätischen Gebirgszügen mit sanft ansteigenden Vorhügeln in den schönsten Formen und geschmückt mit aller Pracht und Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Beim großen Gott! dies Land ist ein wahres Paradies und könnte Wunder wirken, Millionen fleißiger Hände ernähren, wäre es nicht von solch träger, kurzsichtiger und geistig beschränkter Bevölkerung bewohnet, welche es nicht versteht, oder nicht verstehen will, diesem gottgesegneten Boden einen auch nur einigermaßen erheblichen Tribut aufzuerlegen.

Massaga, wo ein kräftiges Frühstück mich und meinen Diener, süßer junger Mais die Thiere erquickte, ist ein niedliches Städtchen, oder großer Flecken, mit nicht unbeträchtlichem Markt für einheimische Produkte. Ein großer Theil der Ortsbevölkerung wohnt freilich nur in indianischen Rohrhütten, allein der Fleiß derselben sticht vortheilhaft gegen andere Ortschaften ab, die ich später sah. Selbst Frauen, welche Früchte zu Markte trugen, flochten im Gehen Strohhüte und Matten von recht zierlicher Arbeit, und weniger als anderswo sah ich hier die Leute in ihren Hammocks faullenzen. Trotzdem waltet aber auch hier immer noch dieselbe indianische Halsstarrigkeit gegen alle und jede Verbesserung vor, die ihre Arbeit nutzbringender machen könnte.

In dem kleinen, jenseits Massaga gelegenen Dörfchen Indiery sah ich zufällig das Begräbniß eines jungen indianischen Mädchens mit an, während unsere Thiere gefüttert wurden.