Die Leiche ward auf einer Bahre, ohne Sarg, blos der Körper mit einem Leinentuche bedeckt, das Gesicht, dessen schöne unschuldvolle Züge selbst der Tod nicht zu verunstalten vermocht hatte, jedoch offen getragen. Vorauf zogen sechs Musikanten mit zwei Geigen, zwei Flöten, einem Waldhorne und einem Violoncello, hinter ihnen der arme Dorfpfarrer, Gebete sprechend. Die Musik war eigentlich mehr ein sonderbarer Wirrwarr von Tönen zu nennen, die nur bei einigen öfters wiederkehrenden Gebetformeln sich zu einer Art von Accord einigten.
Beim Grabe, einer kleinen, kaum einige Fuß tiefen Grube, auf dem Platze vor der Kirche angelangt, ward nach kurzem Ceremoniel die Leiche in die Grube gelegt, jeder der wenigen Leidtragenden warf seine Hand voll Erde darauf und ein paar Leute mit Schaufeln thaten in kaum drei, vier Minuten den Rest. Ein Bündelchen Raketen zischte in die Luft empor, das Aufschwingen der Seele gen Himmel andeutend, wie mir einer der Anwesenden erklärte, und jetzt zum erstenmale einte sich das bisherige Tongewirre der Musikanten zu einer wirklichen Melodie, in der ich zu meiner großen Ueberraschung das liebliche Lied der Brautjungfern in unseres herrlichen Webers Freischütz, wenn auch etwas naturalistisch verstümmelt, wieder erkannte. Wie dies Lied den Weg bis hierher in die Tropenwelt gefunden, mag der Himmel wissen.
Ich kann nicht sagen ob es die Erinnerung war, welche diese aus holder Kinderzeit herüberklingenden heimischen Töne in mir erweckte, oder was sonst, so viel aber ist gewiß, daß weder das pomphafteste Trauergepränge, noch die vollstimmigsten und kunstvollsten Trauerhymnen, noch die schönsten Grabreden jemals einen rührenderen Eindruck auf mich hervorgebracht haben, als diese kindlich naiven Töne und die noch naivere Raketensymbolik neben diesem frischen Grabe einer kaum im Entfalten schon dahingerafften Blüthe. Der Zufall ist oft poetischer, als das poetischste Raffinement!
Als eine Viertelstunde später die Thiere getränkt und gefüttert waren und ich wieder da vorbeiritt, spielten die Kinder schon wieder harmlos und fröhlich auf der Stelle, die eine kaum merkliche Erhöhung als ein Grab andeutete, da ja der jugendliche Körper nur wenig Raum einnahm.
[1]: Sechsschüssige Pistolen.
V.
Lavafelder. – Managua. – Reisebekanntschaft. – Landschaftliches. – Puebla nuova. – Ein Raubmord. – Nächtliche Störung. – Ankunft in Leon.
Fünf Miles von Massaga erreichte ich, nachdem ich noch einige allerliebst zwischen Cocospalmen gelegene indianische Dörfchen passirt, die Lavafelder des Vulcans von Massaga. Seine Thätigkeit beschränkt sich nur noch auf zeitweilige Entwickelung von Schwefelwasserstoff und starke Erhitzung des Schlammbodens in dem erloschenen Krater; ein kleiner Salzsee auf der Südseite, welcher einen andern Krater ausfüllt, so wie ungeheure, sich wohl 6 bis 7 Miles gegen Norden hin erstreckende Lavafelder, geben Zeugniß seiner früheren Verheerungen. Ueberhaupt ist das ganze Land mit trachitischen Gebilden, Osidien und todten Lavaströmen bedeckt, welche die alles überwuchernde üppige Vegetation später mit neuem Leben bekleidet hat. Ein großer Theil der Quellen ist gleichfalls voller mineralischer Substanzen, und viele haben einen beträchtlichen Hitzegrad. In den Lavafeldern von Massaga fielen mir besonders eine Menge seltsamer Höhlen auf, ähnlich ungeheuren Backöfen, wahrscheinlich herrührend von den durch sich entwickelnde Gase gebildeten Blasen.
Am Nachmittage brach wieder ein Gewitter mit gewohnter tropischer Heftigkeit los. »Donnere du bis du es satt hast!« dachte ich, und wickelte mich zum Schutze gegen die herabströmende Sündfluth in meinen Poncho, eine dicke Wolldecke, mit einem Loch in der Mitte, zum Durchstecken des Kopfes, welche als Mantel den ganzen Menschen einhüllt, während der Kopf durch einen breitkrämpigen Hut geschützt wird; mein armes Pferd aber schritt schwermüthig auf der, in einen Gießbach verwandelten Straße einher und mein Sancho Pansa hinterdrein, höchst kleinlaut und verdrüßlich auf seinem Maulthiere hockend.
Menschen und Thiere waren froh, als wir am Abend Managua erreichten, eine ziemlich ansehnliche Stadt am See gleiches Namens gelegen und Sitz der gesetzgebenden Versammlung, übrigens durch nichts bemerkbar als durch eine nicht unschöne Hauptkirche von ziemlich reicher Architektur, in dem oben erwähnten Mischlingsstyl.
Ein wilder Truthahn, den ich unterwegs geschossen, bildete unser Abendessen, welches ich mit einem Italiener theilte, der, gleichfalls auf der Reise nach Leon begriffen, in Verzweiflung war, daß sein Reisegefährte, ein Spanier des Landes, ihm durch seine permanente Trunkenheit die Reise äußerst beschwerlich und unangenehm machte. Die regelmäßig schönen Gesichtszüge dieses Mannes, von antiker Strenge, aber durch die freundlichen blauen Augen, aus denen herzliches Wohlwollen blickte, sehr gemildert, so wie seine stramme soldatische Haltung, gepaart mit ritterlicher Anmuth, zogen mich wider Willen an und in stillschweigender Uebereinkunft brachen wir am anderen Morgen um 3 Uhr gemeinschaftlich auf, den lästigen Trunkenbold zurücklassend, der noch seinen gestrigen Rausch ausschlief.