Mein neuer Bekannter hatte, nachdem er die letzten Kriege seines Vaterlandes mit durchgekämpft und sein geliebtes Weib, das alle Gefahren und Beschwerden treu mit ihm getheilt, auf schreckliche Weise verloren, die friedliche Beschäftigung des Landmannes erwählt, und war jetzt auf dem Wege nach Californien, wo er beschlossen hatte, im Vereine mit mehren seiner Schicksalsgenossen sich lediglich auf die Agricultur zu verlegen und so, wenn auch langsamer, die wahren Schätze dieses Landes auszubeuten, das in nicht gar zu langer Zeit vielleicht noch einer der blühendsten Staaten der nordischen Union werden wird. In Leon, wo ich mehrere Mitglieder dieser projectirten Colonie, meist Genueser, kennen lernte, die einen sehr erfreulichen Gegensatz zu den Fehlern bildeten, die man meist den Italienern vorwirft, vernahm ich erst zufällig den Namen dieses, in der neuesten Periode seines Vaterlandes berühmt gewordenen Mannes, aber das strenge Incognito achtend, das er angenommen um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen, war und blieb er für mich nur Signor Giuseppe, oder auch Monsieur Joseph.

Hinter Managua führt der Weg über eine steile, mit großen Felsbrocken bedeckte Anhöhe, welche, da wir sie noch im Morgendunkel passiren mußten, unsere armen Thiere weidlich zum straucheln brachten. Wir erreichten jedoch ohne erheblichen Unfall mit Tagesanbruch den Gipfel, wo die aufgehende Sonne ein wahres Paradies vor unsern entzückten Blicken entrollte. Südöstlich sahen wir noch den See von Granada, nordwestlich aber, jenseits des See's von Managua, dessen Brandung dumpf zu uns herauf tönte, dehnte sich langhin das schöne Thal von Leon, über welches der hohe Viejo sein rauchendes Haupt über die Wolken erhob.

Der Weg gleicht von hier an dem prachtvollsten Park, der Wald ist fortwährend durchbrochen von üppigen Wiesenflächen, in deren hohem Grase schöne Rinder, größer als ich sie bis jetzt hier zu Lande gesehen, und muntere Stuten mit ihren Füllen weideten. Die einzige Calamität dieses gesegneten Landes ist der Mangel an fließendem Wasser, denn während der trockenen Jahreszeit, wo die kleinen Teiche und Tümpel meist austrocknen, der Wald, seines grünen Blätterschmuckes beraubt, nur noch in brillantem rothen und gelben Blätterkleide erscheint, irrt das geängstete Rindvieh, durstend, geplagt von Schwärmen von Insecten, dumpf brüllend umher, nach vereinzelten Quellen suchend, um seinen Durst gemeinsam mit dem schüchternen Reh und dem possirlichen Affen zu stillen. Zahlreich umherliegende Gerippe geben Zeugniß, wie viele schon als Opfer des Durstes, oder auch des grimmen Jaguars gefallen waren.

In Pueblo nuevo, unserm Nachtquartier, fanden wir im Gasthause einen kleinen englischen Schiffsjungen und erfuhren von ihm die genauen Details eines nur vor wenig Tagen erst verübten Raubmordes, den ich, als ich im letzten Nachtquartier und unterwegs davon reden hörte, für eine der gewöhnlichen Aufschneidereien gehalten hatte. Ein englischer Capitain, dessen Schiff in Realejo gestrandet war, hatte den Erlös der geretteten Waaren nebst einigen anderen Gegenständen mit sich auf einem Ochsenkarren geführt. Dieser Umstand war, wie man vermuthet, durch den Karrenführer, von dessen Mitgenossenschaft an der Gräuelthat man sogar ziemlich stark munkelt, bekannt geworden und eine kurze Strecke hinter Pueblo nuevo überfielen sechs Strauchdiebe den Capitain, der in Gesellschaft des kleinen Schiffsjungen ein Stück Wegs hinter dem Fuhrwerke herging, auf welchem er seine Waffen gelassen hatte und von denen er auf diese Weise abgeschnitten war. Ein Mann von Entschlossenheit und großer Körperkraft, leistete er waffenlos nichtsdestoweniger tapferen Widerstand, warf einen der Strolche zu Boden und verwundete ihn mit dessen eigener Macheta. Von den übrigen hinterrücks zu Boden geworfen, ward auf ihn losgehauen wie auf ein Bündel Brennholz, und als der arme Junge, den ein Schlag über den Kopf besinnungslos niedergestreckt hatte, wieder zu sich kam, war der todtähnliche Capitain in ein nahes Gebüsch geschleppt, der Karren des Geldes, des Schiffschronometers und einiger anderen leicht transportablen Gegenstände beraubt, die Banditen aber verschwunden. Einige Amerikaner, – die ich später in Leon kennen lernte – des Weges kommend und gut bewaffnet, setzten zwar den Räubern eine Strecke nach, aber ohne Erfolg. Sie mußten sich damit begnügen den Verwundeten, der noch einige Lebenszeichen von sich gab, zu verbinden und nach Pueblo nuevo zu schaffen, wo man ihn unter der Pflege der Wirthsleute, ein paar gutmüthiger alter Jungfern, noch zu retten hoffte. Zwei Aerzte aus Leon, Dr. Livingston und Dr. Seidel, ein Sachse, die man schnell von dorther zu Hülfe geholt hatte, fanden nicht weniger als fünfzehn Hieb- und Stichwunden und zwei Knochenbrüche an dem Unglücklichen, der trotz aller angewandten ärztlichen Sorgfalt am dritten Tage, in Folge des vielen Blutverlustes den Geist aufgab. Große Erbitterung herrscht hier über diesen Mord, dem in nicht langen Zwischenräumen bereits mehre vorangegangen, und sobald sich nur erst Gelegenheit dazu findet, wird Judge Lynch, glaube ich, auf tüchtige Beschäftigung rechnen können.

Der arme Schiffsjunge war noch sehr niedergeschlagen und fühlte sich bang unter all den fremden Menschen hier, von denen keiner seine Sprache kannte. Ein gutes Abendessen, das wir mit ihm theilten, ein Glas alten Portwein aus unserm Reisekeller, so wie einige kleine Geldgeschenke heiterten ihn indeß ein wenig auf. Am andern Tage ward er nach Leon abgeholt, um von dort über Realejo auf einem englischen Schiffe in seine Heimath befördert zu werden.

Im Hause fanden sich nur zwei Gastbetten und davon war eines das Todesbett des unglücklichen Capitains gewesen; die Strohmatte, aus der hier einzig die Betten bestanden, starrte noch von den dunklen Blutflecken des Ermordeten. Obschon ein solcher Umstand nicht eben die Annehmlichkeiten eines Nachtlagers erhöhet, sind doch 45 Miles zu Pferd ein probates Mittel um alle etwaigen Bedenklichkeiten niederzuschlagen und ich entschlummerte sanft, während Mr. Joseph ein Gleiches auf der anderen Strohmatte that.

Gegen Morgen weckte mich ein Luftzug und ein seltsames Geräusch; die Thüre ins Freie stand auf, ich hörte an meinem Gepäck zerren und ein unbekanntes Etwas dumpf brummen. »En garde!« rief ich, und das Knacken eines Pistolenhahnes gab mir vom Nachtlager meines Reisegefährten herüber Antwort, wobei mir dieser zugleich zurief, ich möge schnell Licht machen, er wolle die Thüre vertheidigen. Die eintretende Helle überzeugte uns jedoch, daß der vermeintliche Spitzbube nur ein friedliches Schwein war, welches, angelockt vom Geruche einiger schönen Vogelbälge, an meinen Satteltaschen herumzupfte, in welchen ich sie verwahrt hatte. Ich war so grausam seinen Drang nach ornithologischen Studien durch einige Hiebe zu dämpfen. Die dadurch erregte Heiterkeit hatte allen Schlaf verscheucht; wir sattelten und machten uns auf den Weg, um Leon wo möglich noch bei guter Zeit am Vormittage zu erreichen.

Ein seltsames Concert bildet noch in jedem Dorfe das fortwährende Geschrei der Hähne und das Bellen einer zahllosen Menge von Hunden, das die ganze Nacht ununterbrochen fortdauert, als wollten letztere damit gegen das alte Mährchen, daß die Hunde in diesen Tropenländern stumm wären, recht eindringlich protestiren. – Eine höchst praktische Schutzwehr der Höfe bilden hier die Cactushecken, welche sich pallisadenartig, mit scharfen harten Stacheln besetzt, oft in einer Höhe von 8 bis 10 Fuß ringsherumziehen, und vorzüglich zum Abhalten der Jaguare geeignet sind, die sich häufig des Nachts zu ihrem Schmause Hunde aus den Dörfern holen.

Um 7 Uhr Morgens stiegen wir hinab in das herrliche Thal von Leon, das an Schönheit wie an Fruchtbarkeit wohl kaum von irgend einem Lande der Welt übertroffen werden kann. Ueberall wo nur der mindeste Fleiß angewandt ist, lohnt sich derselbe im reichsten Maße. Dabei habe ich bis jetzt noch nirgend gesehen, daß die Cultur wirklich so zur Verschönerung der Natur beitragen kann, wie eben hier, denn da die Felder meist 50-60 Acres betragen und sich dazwischen immer Gebüsche und schöngezeichnete reiche Baumgruppen hinziehen, während dichte Waldung da und dort einen, bald bunten, bald dunklen Hintergrund bildet, so wird dadurch die angenehmste und zugleich malerischeste Abwechselung hervorgebracht. Inmitten dieser großen Thalebene liegt Leon, mit seinen vielen Kirchen, lieblich auf Hügelhängen an einem kleinen Fluße, zwischen majestätischen Baumparthien. Hier und da wiegen Cocospalmen, einzeln oder in Gruppen ihre vom Morgenwinde bewegten Häupter auf zierlichen Stämmen; jenseits der Stadt aber zieht sich die imposante Gebirgskette hin, auf welcher fünf Vulkane fortwährend Rauchsäulen gleich gigantischen Stoßseufzern, gen Himmel senden, Kunde gebend von ihrer geheimnißvollen Thätigkeit tief im Schooße der Erde. Im Osten steht der Monotombo, über 6000 Fuß hoch, im Westen der Viejo, 5500 Fuß hoch, als die gewaltigen Strebefeiler dieser Riesenmauer, während der stille Ocean sich am fernen Horizont als dunkelblaue Linie hinzieht.

Um 10 Uhr ritten wir in Leon ein und mit einem Händedruck schied ich von meinem liebenswürdigen Reisegefährten, der seine Fahrt nach Realejo fortsetzte. Ob wir uns je wiedersehen, weiß Gott allein.