Nachdem mir die Güte des wackern Mr. George C......, eines der angesehensten Minenbesitzer hiesiger Gegend, ein paar leidliche Maulthiere verschafft, machte ich mich in Begleitung eines Mozo nach Tegucigalpa auf den Weg. Die einzelnen Individuen vom Stamme der Ikaken, die, schon als Kinder geraubt, hier und da zerstreut als Diener leben, sind wesentlich von den Nachkommen der Aztekes und Toltekes verschieden, weniger gut gebaut, mit kleinen geschlitzten Augen, verschwollenen Augenliedern, dicken Lippen und unverhältnißmäßig großen Untertheilen des Kopfes, augenscheinlich von viel geringerer Intelligenz und Capacität als jene. Die Haare, welche die Nicaragua-Indier bis auf einen kleinen Theil über der Stirn abscheren, tragen diese Ikaken lang, auch waren dieselben nicht kraus, sondern schlicht herabhängend.

Um nach Tegucigalpa zu gelangen, hatte ich zuvörderst einen mächtigen Gebirgsstock zu erklettern, was viel leichter gesagt als gethan ist; die trockene Jahreszeit hatte ihren höchsten Gipfel erreicht, die ganze Natur schien mir bis ins innerste Mark verbrannt; die armen Maulthiere waren durch die Spärlichkeit des Futters zu wahren Skeletten herabgekommen, konnten statt der 250 bis 300 Pfund der gewöhnlichen Ladung kaum 150 Pfund tragen, und mein armes Sattelthier machte mein Mitleid so rege, daß ich es vorzog, einen großen Theil der Kletterei zu Fuß abzumachen. Auf der Höhe des Gebirges fanden wir einen Quell, kalt wie Eis, für Menschen und Vieh eine willkommene Erquickung. Meine Tortillas gab ich meinem armen verhungerten Thiere, begnügte mich mit einigen gekochten Bohnen und einem halben Dutzend Strohcigarren zum Nachtisch, worauf es wieder an ein eben so halsbrecherisches Hinabklettern ging, das uns am Abend zu einem mit grünen Ufern kokettirenden Flüßchen als geeigneten Lagerplatz brachte. Die größte Wohlthat war den armen Thieren hier unten die Befreiung von den abscheulichen Stechfliegen, die hier die Größe von einem Zoll haben und eine wahre Höllenmarter für das Vieh sind; ich vergrößerte ihr Wohlbehagen noch dadurch, daß ich ihnen meinen Salzvorrath zu lecken gab.

Aber bei all' meiner Thierfreundlichkeit blieb ich doch selbst ohne Nahrungsmittel und schickte daher Salvador, meinen zeitweiligen Sancho Pansa, auf Requisition von Eiern und Hühnern aus, während ich selbst Feuer machte; der Bursche kehrte aber mit der gewöhnlichen Redensart »No hai« (es ist nichts da) zurück. Das wurmte mich und meinen Magen gar sehr, deshalb beschloß ich, selbst eine Recognoscirung anzustellen, gürtete meine Hüften, schulterte die Büchse und schlug den Pfad nach einigen zerstreuten Indianerhütten ein, die das Dörfchen Jove bilden.

Wie gewöhnlich war auch hier Alles, wonach ich fragte, nicht vorhanden. Da führte sein Unstern mir ein halbwüchsiges Schweinchen in den Weg, und ich that, wie ich schon früher bei gleicher Gelegenheit einmal gethan, d. h. nachdem ich die anwesenden Indianer gefragt, ob einer von ihnen der Eigenthümer sei und ein »No Sennor« zum Bescheid erhalten, schnitt meine Kugel den Lebensfaden des jugendlichen Geschöpfes zugleich mit allen Einwendungen des Mannes kurz ab, eröffnete aber dagegen die Schleusen seines Jammers ob des ungeheueren Verlustes; 10 Pesos Kupfer, ungefähr 2 Thaler und gut der dreifache Werth des Schlachtopfers, stillten jedoch den Jammer und verwandelten ihn in solche Freude, daß der Mann mir ein Geschenk von einem Dutzend Eiern machte und seiner Frau befahl, mir so viele Tortillas zu backen, als mein Herz nur immer verlangen würde.

Da ging es nun an ein Kochen, Braten und Backen, das Feuer ward rundum mit Cochonnerien aller Art besteckt, Wirth und Wirthin wurden meine Gäste, aus meinem kleinen Feldkessel sendete ein köstlicher Kaffee seine aromatischen Düfte empor, und um dem Mahle den größten Reiz zu verleihen, zog ich eine Flasche Agua ardiente, zu deutsch Schnaps, aus meiner Satteltasche hervor. Ueberwältigt vom lucullischen Mahle und der Müdigkeit, sank ich dahin und schlief den Schlaf des Gerechten.

Wer wissen will, wie ich den nächsten Tag verlebt, der lese das Obige noch einmal, nur mit dem Unterschiede, daß der reichlichere Vorrath von Tortillas und Schweinefleisch neue Requisitionen unnöthig machte, und daß auf der Höhe des Gebirges der Minenort St. Antonio, zwischen todten, sterilen Sandsteinfelsen gelegen, die Oede etwas unterbrach; nachdem ich aber den zweiten Gebirgskamm überschritten, sah ich das Ziel meiner diesmaligen Reise, Tegucigalpa, in der Ferne liegen, bei welchem Anblicke mein Herr Maulesel, in der Hoffnung auf Erlösung von seinen Leiden, die Lüfte von einer mißtönigen Freudenhymne wiederhallen ließ. Noch ein mühevolles Hinabklimmen, und ich hielt meinen Einzug in besagter Stadt, deren reinlich gehaltene, gepflasterte Straßen, wohnliche Häuser und behäbig aussehende Einwohner einen sehr angenehmen Eindruck auf mich machten.

Im Hause der Schwiegermutter des Herrn C....., Sennora Donna L....., erwartete, wie überall, Menschen und Thiere die freundlichste Aufnahme; mein Gepäck traf aber erst spät am Abend ein, denn das arme verhungerte Thier war zweimal gestürzt; nebenbei hatte Salvador große Aengsten ausgestanden, daß ich mich verirrt haben könne, und war höchlich erstaunt, mich gesund und wohlbehalten beim Schmause zu finden.

Die Stadt Tegucigalpa, inmitten der Gebirge in einer schönen Thalebene am Rio di Choluteca und nicht weit von seinem Ursprunge gelegen, soll eine Bevölkerung von 25,000 bis 30,000 Einwohnern haben, woran ich jedoch billig zweifeln muß, obschon man den über einen großen Theil der Ebene zerstreuten Stadtbezirk hierbei mit einrechnet. Wenn überhaupt alle die hier gewöhnlich erfolgenden Angaben der Einwohnerzahl richtig wären, wie z. B. Granada 40,000, Leon 35,000, Matagalpa 30,000 u. s. w., so müßte Central-Amerika mindestens 10 Millionen Einwohner haben, während es thatsächlich deren kaum 2 Millionen besitzt. Meiner Berechnung nach kann die eigentliche Stadt Tegucigalpa etwa 5000 bis 6000 Einwohner haben.

Alles trägt aber hier den Charakter der Wohnlichkeit und Nettigkeit. Die Plaza ist mit hübschen Häusern umgeben, worunter mehrere zweistöckige, eine Seltenheit in diesem Lande, welche beweist, daß die Erdbeben in diesem Theile weder so häufig, noch sehr stark sind. Ein erfreuliches Zeichen waren die vielen im Bau begriffenen Häuser und die gänzliche Abwesenheit von Ruinen, jener traurigen Denkmale vergangener Bürgerkriege. Die Kathedrale ist ein großes, stattliches Gebäude mit nicht unschönen Verhältnissen, nicht ganz so imposant wie die von Leon, aber immerhin ein schönes Bauwerk und seinen Umgebungen angemessen. Sie besitzt einen überaus reichen Altar von vergoldeter Holzschnitzerei im spanischen Roccoco, einige Bilder alter spanischer Meister zweiten Ranges und mehrere neuere von geringer Bedeutung. In der Sakristei lag auf einem Tische eine neungeschwänzte Geißel; ich frug den freundlichen alten Priester, der mich herumführte, ob dies Instrument hier etwa zu frommen Bußübungen angewendet würde? »No, Sennor,« entgegnete er lächelnd und kopfschüttelnd, »es ist für die Hunde, die einst, vom Hunger getrieben, das Hostienkästchen ausgefressen haben.«

Im Hause der Sennora L.... war ein ganzes Heer allerliebster Mädchen, sammt und sonders Schwägerinnen des Herrn George C...... Ich war meist den ganzen Tag abwesend, wenn ich aber am Abende zurückkehrte, so hatten immer zwei der jungen Damen die Aufmerksamkeit, ihr Diner bis zu meiner Essenszeit zu verschieben, um mir Gesellschaft zu leisten, was mir im höchsten Grade angenehm war. Gern hätte ich mich für so viele Güte durch doppelte Liebenswürdigkeit dankbar erzeigt, allein mein vom Weltschmerz zusammengeworfenes Schicksal trieb mich unerbittlich weiter und weiter über Stein und Dorn, und verstattete mir keine Frist, meine Galanterie zur vollen Blüthe zu entfalten.