Der Held
und andere Novellen.
Von
Wilhelm Holzamer.
Mit einer Einleitung
von
Richard Wenz.
Mit dem Bildnis des Dichters.
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Uebersetzungsrecht vorbehalten
Einleitung des Herausgebers.
Wie eine lange, beschwerliche Bergwanderung war das Leben Wilhelm Holzamers. Vor dem Aufstieg ein frohes Schreiten über saftig grüne Matten, durch die klare, heitre Luft des Frühlenzes, darein drängende Lebenslust ihre Lieder schmetterte. Ein kurzes, behagliches Verweilen, aber doch die Unruhe im Herzen, hinaufzukommen zur Höhe, die sein Ziel sein sollte. Und nun das Aufwärts! Zuerst über öde, dürre Steinhalden, wo die Stimmen des Lebens schwiegen, wo nur die Helle von oben das Wandern noch erträglich machte, wo aber auch schon dann und wann eine fliehende Wolke ihren raschen Schatten über ihn hinwarf, daß ihm einen Augenblick lang das Herz klopfte vor ungewisser Ahnung. Aber die Sehnsucht in ihm drängte, und rüstig schritt er fürbaß. Der Pfad ward steiler. Ueber Felsvorsprünge ging's, dann wieder durch enge, dunkle Schluchten, in denen wirres Gestrüpp wucherte. Schritt um Schritt hemmte es seinen Fuß; aber das Licht und die Höhe lockten. Und dann wieder, kaum in der Sonne, der huschende, geheimnisvoll drohende Schatten der Wolke! Die Ahnung in ihm wuchs und machte ihn müd und traurig. Und einmal im Traum sah er den Tod schreiten, der ihm winkte. Da war ihm sein Ahnen zur schlummernden Gewißheit geworden. Aber die Wanderung und das weitgesteckte Ziel, die machten sie vergessen. Hohe Schroffen türmten sich auf vor ihm, und ganz oben lockte das üppige Grün einer Bergwiese. Sein Stab griff aus; aber dann: Fuß über Fuß, mit klammernden Händen die steile Bergwand hinauf! Und oft, daß ihm der Atem ausging, wenn er hinuntersah in die Tiefe, wohin es heil kein Zurück gab. Und wieder schreckte ihn der Schatten. Ein Straucheln — aber eine unsichtbare, starke Hand hielt ihn, und nun, aus schweren Träumen erwachend, stand er müd auf blumiger Au, stand er auf der Höhe. Und neben ihm die Gefährtin, die den gleichen mühseligen Aufstieg gemacht, die Fremde und doch Vertraute, die ihm die Hand gereicht hatte, als sein Fuß strauchelte. Dann ein frohes Wandern über die Höhe, der Sonne entgegen, reich und glückvoll, bis wieder die Wolke ihren schwarzen Schatten über ihn hinwarf, der nicht mehr weichen wollte ... Der Tod hatte ihn eingeholt. Mitten auf seinem Weg. Mitten aus seinem Schaffen riß es ihn, den Frühgereiften aber nicht Vollendeten; denn sein letzter, großer Roman, »Der Entgleiste«, ist kein Ausklang, sondern eine volltönige Introduktion, ein kraftvoller Aufstieg zu neuen Höhen.
»Zum Licht« hieß seine erste Gedichtsammlung, die er 1897 veröffentlichte. Fast alles darin ist noch gärend und draufgängerisch; man spürt Dehmel, Falke, Liliencron und: Nietzsche, als einen, den er eben erst erlebte, der alles aufwühlte in ihm. Aber ein ganzer »Holzamer« war auch dieses Buch schon. Es umzirkte weit aber fest den Kreis seines Lebens und Schaffens. Und auch von seinen Erstlingserzählungen her, »Auf staubigen Straßen«, geht deutlich erkennbar ein einziger Weg, eine einzige Entwicklungslinie. Es hieße daher, das Bild des Dichters fälschen, wollte man, wie es geschehen ist, seine hessischen Dorferzählungen der Heimatkunst zuweisen und seine über die Grenzpfähle der Heimat hinausstrebende Allgemeinkultur als Abwärtsentwicklung oder Entartung abtun. »Im Dorf und draußen« war die zweite Novellensammlung, in deren Titel er, bewußt oder unbewußt, schon äußerlich andeutete, daß sich seine Kunst nicht in der Volks– und Bauerngeschichte erschöpfen wollte. Und innerlich? Sind nicht hier schon seine Gestalten meist Eingänger und Sonderlinge, wertbewußte Starke, die dem Leben ihre Notwendigkeit abtrotzen? Und keinem einzigen begegnet man unter seinen Helden, von dem man nicht sagen müßte, der hat seine ausgeprägte Art, der ist ein Vollmensch, ein Ganzer, so wie's nachher sein armer Lukas ist, sein Peter Nockler und sein heiliger Sebastian, so wie's die Frauen in diesen Büchern sind und ihre nur konsequenter gezeichneten, bis zur Härte eigenartigen Schwestern in den späteren Romanen »Inge« und »Ellida Solstratten«, in denen nur engherziges Pfahlbürgertum Dekadenz und Verkümmerung erkennen konnte. Und doch waren auch diese Frauen nicht andrer Art als die im höchsten Maße problematische Figur der jungen Dorth in »Vor Jahr und Tag«, dem Roman also, der zeitlich nach den beiden vielfach angefeindeten »Frauen«–Romanen liegt, aber unbedingt mit dem »Peter Nockler« zusammengenannt werden muß. Wäre Holzamer wirklich jemals der einseitige Heimatdichter und Volkserzähler gewesen, wie ihn seine Gegner sich wünschen, so hätte er in jener Schaffensperiode nicht die »Kunstbriefe an den deutschen Michel« über »Die Siegesallee« schreiben können, so hätte ihn auch nicht der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen vom Schulkatheder in seine Kabinettsbibliothek und als Leiter an die Darmstädter Spiele berufen. Wenn einer, so erkannte dieser fürstliche Mäzen klar, welche hohen künstlerischen Qualitäten allgemeinkultureller Art in Holzamers Werken lagen.
Lediglich zur stofflichen Gruppierung darf man also die drei Romane (»Der arme Lukas«, »Peter Nockler« und »Der heilige Sebastian«) zusammenfassen und sie von den folgenden sondern. Ihre Ausgeglichenheit bis ins kleinste, die Holzamer selber sah und die ihn den »Peter Nockler« so hoch einschätzen ließ, mag man in »Inge« und »Ellida Solstratten« vermissen; dafür entschädigen aber der kühne Zug ins Große und die von Lebensernst gestählte Energie, die da ihren Ausdruck sucht. Wer diese neue Phase des Dichters künstlerisch oder auch nur psychologisch werten will, der darf ihn nicht im Werden ergreifen, sondern im Gewordensein, der muß ihn messen an seinen letzten Arbeiten, den zahlreichen Novellen aus den fünf Jahren seiner Pariser und Berliner Zeit, die in zwei Bänden erscheinen sollen, sowie seinen beiden Romanen »Vor Jahr und Tag« und »Der Entgleiste«, der im Herbst dieses Jahres herauskommt.