Kann damit die scheinbare Kluft in des Dichters Schaffen als überbrückt gelten, so wird man nun die markantesten Züge seiner Künstlerpersönlichkeit leicht erkennen können. Von seiner Bevorzugung besonders individuell gearteter Menschen war schon kurz die Rede. In zweiter Linie müßte die Ruhe und Sicherheit der Gestaltung hervorgehoben werden: scharfe Skizzierung und dann, Strich um Strich Tönung und Nuancierung bis ins feinste, bis zum blutwärmsten Leben. Und wo dann noch verborgene Unterströmungen aufzudecken sind, da greift, kaum merklich, seine überlegene Reflexionskunst ein, die Hand in Hand geht mit einer subtilen psychologischen Tiefgründigkeit. Schon der ruhige Fluß seiner Sprache, die erschöpfende Klarheit des Ausdrucks, der kaum die Feile verrät, kennzeichnen die Überlegenheit, mit der er charakterisiert. Und schön ist diese Sprache, voll Wohllaut, schmiegsam, weich und anderswo doch auch wieder kraftvoll und wuchtig. Dazu kommt eine feine poetische Stimmungsgabe; aber das Maß des lyrischen Einschlags ist so verständig innegehalten, daß man ihn vermissen würde, wenn er nicht da wäre.

Es ist schade, daß an dieser Stelle auf die Tendenz der einzelnen Romane ebensowenig eingegangen werden kann wie auf ihren Inhalt. Es würde einem dann auch der Mensch Holzamer näher gerückt werden. Man würde sich nicht nur mit dem träumerisch gemütvollen, dem edlen und weisen Manne befreunden, der aus dem »Peter Nockler« und dem »Armen Lukas« spricht; wir würden auch willig mit ihm gehen, wenn er uns vom »Heiligen Sebastian« bis zur »Ellida Solstratten« führte, und auch in der Härte, die weniger verwunden will als verwunden muß, Ehrlichkeit, Größe und Kraft sehen, die gepaart mit jener weisen Güte unserer Verehrung und Liebe würdig ist. Die ihn kannten, wissen gut, wie sehr Holzamer seine Künstler–Ideale auch lebte. Wer einmal den tiefen Eindruck dieser sympathischen Persönlichkeit empfing, konnte ihn nicht mehr vergessen. Er war ein vornehmer Charakter; aber seine Vornehmheit hatte eine Wärme, die man schon im Druck seiner Hand, im Blick seines Auges spürte.

Zwischen Holzamers ersten Gedichten und dem späteren Band, »Carnesie Colonna«, lagen die zart getönten dramatischen »Spiele«, die aber mit ihrer Weichheit und ihrem hohen Stimmungsgehalt eher seiner Lyrik zugezählt werden müssen als dem einzigen Drama (»Um die Zukunft«), das wiederum viel mehr auf seine wuchtige Epik, etwa die im »Heiligen Sebastian«, hinweist. Aber wenn man den Lyriker Holzamer einschätzen will, so muß man auf die zart rhythmische Musik des Leides und Glücks in den Phantasien »Carnesie Colonna« hinhören. Und klingt mancher Ton darin auch noch als Verheißung, so wird die Lyrik des durch Kampf und Schmerz gereiften Dichters, die der Nachlaß enthält, Erfüllung sein.

Sein Drama, das in die Pariser Zeit fällt, war ein erster Wurf, hatte als solcher aber seine große Tragweite und bewies jedenfalls, daß Holzamer auch auf diesem Gebiet ungewöhnlich starke Möglichkeiten bot. Daß es von keinem besondern Glück begünstigt war, lag am »Theater«, das außer Kunst ja auch eine gewisse Routine fordert. Ob er ihm nach dieser Richtung noch Konzessionen gemacht hätte, wer weiß!

So wenig aber, wie man den Dramatiker Holzamer übersehen darf, so wenig darf man auch an dem Essayisten vorübergehen. Sein selbständiges Urteil hatte Wert und Gewicht, nicht nur in der Literatur, sondern in der Kunst überhaupt. Unkenntnis und Vorurteil haben seinem dreijährigen Aufenthalt in Frankreich Unfruchtbarkeit nachgesagt; aber schon allein die Essaysammlung »Im Wandern und Werden«, eine Monographie über Conrad Ferdinand Meyer, der später eine solche über Heine folgte, könnten das Gegenteil beweisen, außer ihnen Dutzende von Aufsätzen und Kritiken in führenden Blättern. Holzamer war in seiner kritischen Tätigkeit kein Fanatiker irgendeiner Richtung; aber auch hier verleugneten sich nie seine unbestechliche Ehrlichkeit und sein hoher künstlerischer Ernst.

Von den sechs Novellen des vorliegenden Bändchens zeigen uns »Cellist Behnke«, »Hochsommerglück« und »Der böse Wunsch« des Dichters starkes Talent im ersten Wachsen, während »Der Held« und »Sein letztes Hochamt« die deutlichen Merkmale einer kräftigen Entwicklung an sich tragen. »Die Freite« endlich darf als eine reife Frucht aus der letzten Zeit seines Schaffens hingenommen werden.

Am 28. März dieses Jahres hätte Holzamer erst die Vierzig erreicht, und nun jährt sich am 28. August schon zum drittenmal sein Todestag. Ein Frühgereifter, aber kein Vollendeter.

Köln, im April 1910.

Richard Wenz.

Der Held.