Ja, das war's vielleicht beim Krafft, wie still er war. Und wie ernst immer. Er ging durchs Feld, immer in den gleichmäßigen breiten Schritten — »guten Tag, Herr Lehrer!« rief's, er dankte und schritt weiter. Und wenn er in den Gesangverein kam — und war der lauteste Lärm im Saale, und ging die Tür auf und der Krafft trat ein, war's mäuschenstill. Und alle sahen nach ihm, und alle hingen an seinem Blick, und es war mehr als Furcht, es war ein hoher Respekt. Etwas Vornehmes trug er an sich, trug er überall hin, so einfach er war. Keiner kam ihm zu nahe, selbst wenn er scherzte. Und keiner wagte sich so recht aus sich heraus, wenn der Krafft dabei war. Jede Bemerkung wurde zweimal bedacht, eh' sie gemacht wurde. Und doch — wer den Krafft respektierte, und es waren die Besten meines Dorfes, der hing ihm auch an.
Doch war der Krafft nicht hochmütig. Einige behaupteten auch das, aber schon die Freunde, die er sich ausgewählt hatte, bewiesen gegen sie. Die Freunde waren nicht aus den sogenannten »vornehmen« Kreisen, nicht »Doktor« und Apotheker, nicht Schullehrer und Angestellte — es war der Musikant Jakob Veit, kurz der Veitjakob genannt, der die Violine spielte auf den Kirchweihen und im Gesangverein den ersten Tenor sang, war der Botsieben–Hannes, der die Post hatte von Thurn und Taxis und Musikant war nebenbei, war der Pankraz Klein, der den zweiten Baß »hielt« im Gesangverein, war freilich auch der Rudolf Schwarz, der Bürgermeister, der auch Freimaurer war, vielleicht auch sonst noch was Geheimnisvolles und Böses, was den Krafft anzog.
Der Krafft sah aber nicht aufs Äußere und nicht aufs Böse, er suchte in seinen Freunden eine Ergänzung zu sich selbst. Oder das nicht einmal, oder wenigstens nicht so bös egoistisch ausgedrückt — er suchte gesunden Menschenverstand und ein warmes Herz, Liebe und Begeisterung. So beim Veitjakob, dem Musikanten — beim »alten Schwarz« aber war's oft ein Aufblicken und Bewundern, öfter die freudige Gewißheit und Dankbarkeit, verstanden zu werden, angeregt und bestärkt zu werden. Denn der Schwarz war ein Weltmann. Das Leben hatte ihn nach allen Richtungen schon umhergeworfen, er hatte sich auf dem Dorfe vor Jahren festgesetzt, hatte erst eine Wirtschaft eröffnet, dann eine Branntweinbrennerei und war dann zum Bürgermeister gewählt worden. Denn er war reich. Er war aber auch ein heller Kopf. Und er war auch — ein Demokrat.
Ein Demokrat war der Krafft nun freilich auch. Er hatte in seiner Jugend das Hambacher Fest mitgemacht und hatte flüchten müssen: er hatte im »tollen Jahre« geredet und geschrieben für die Freiheit und die Verwirklichung der Träume der deutschen Seele.
Aber nun war er still geworden, ganz still. Still im Kreise seiner zahlreichen Familie, für die er schwer zu sorgen hatte, still bei seinen Büchern und Noten, in seinem Schulgarten, den er fleißig bepflanzte. Und wenn er von seiner Arbeit ausruhte, saß er unter dem hohen Efeu an der alten Schloßmauer und paffte aus seiner Pfeife. Und alte Träume und alte Lieder wurden in ihm wach, er lächelte des Vergangenen und leid ward ihm um all das, was unerfüllt blieb — aber er blieb still. Ja, ganz still war der Andreas Krafft. Er hatte sich vom Leben zurückgezogen, er hatte seinen Kreis verengert, und was er von dem Draußen dabei verloren hatte, das suchte er sich zu ersetzen durch die innigere Beschäftigung mit dem, was ihm lieb war.
So hatte seine Persönlichkeit ihre Gewichtigkeit und Schwere bekommen, und auch eine Ruhe war ihm geworden, und Kampf und Leid waren nicht verloren. Und so wurde der Krafft auch nicht zur Maschine, trotz der gleichmäßig schweren Tätigkeit, die er entfalten mußte. Er fand sich überall einen Punkt, von dem aus betrachtet alles einen eigenen Wert und Ansehen erhielt, von dem aus trotz aller Anstrengung und Überwindung der Krafft noch Werte für seinen inneren Menschen herausschlug, so daß er sich seine Freudigkeit bewahren konnte. Warm fühlte er sich von ihr durchströmt, wenn er seinen Gesangverein übte, wenn er ein Lied oder ein Präludium für die Orgel einrichtete, und ganz besonders, wenn er an der Orgel saß und die Töne ihm die Sprache seines Herzens wurden, in der sich das letzte sagen ließ, was sein Herz verborgen hielt.
Und nun war plötzlich die Hetze gegen ihn losgegangen. Es war fast über Nacht gekommen. Der eigentliche Anlaß wäre schwer zu finden gewesen. Der Anlässe und Gründe wußte man viele anzugeben. Kraffts politische Vergangenheit, seine geistige Selbständigkeit, sein Übergewicht, die Sicherheit und Reinheit seiner Persönlichkeit, ja gerade das mochte vielen ein Dorn sein. Auf einmal fand man ihn kirchlich zu lax, man fand bald, daß er kirchenfeindlich sei. Man gab hundert heimliche Anlässe zum Streit, tausend heimliche Stiche. Aber der Krafft stand über der Kleinlichkeit der Menschen, er blieb ruhig. Da riß die Geduld. Man ging im Amt gegen ihn vor. Man schikanierte ihn, man tadelte, rügte, drohte. Da stand der Krafft seinen Mann, er verteidigte sich. In seinem Amt ließ er sich nicht antasten. Er hatte allzeit seine Pflicht getan, er hatte sich nichts vorzuwerfen — keiner sollte ihm etwas vorwerfen dürfen.
Da war die Flamme aufgeschlagen. Das Dorf war plötzlich in zwei Lager geteilt: hie Pfarrer! hie Lehrer! Und eigentlich hatte der Krafft gar nichts dazu getan. Er hatte seine Angelegenheit allein vertreten, fest und still, wie es seine Art war. Niemandes Hilfe hatte er angerufen, niemandes Beistand erbettelt. Nur einmal hatte er in der Erregung das Zeugnis seiner Schulkinder gefordert. Sonst war er passiv geblieben. Er glaubte an sein gutes Recht und seinen Sieg.
Aber Beichtstuhl und Kanzel hatten gute Arbeit getan und taten sie weiter. Die Gemeinde blieb in zwei Parteien gespalten. Und heiß war der Kampf. Auf den Straßen, in den Wirtshäusern begann er, in den Familien setzte er sich fort, und sogar die Jugend beteiligte sich daran.
Kraffts Partei war eigentlich ohne Führer, denn der Andreas Krafft wollte nichts mit dem Zwist zu tun haben. Er ermahnte immer zur Ruhe und ihn allein zu lassen. Aber die Fanatiker und Herausforderer der Gegenpartei ruhten nicht. Und der Streit spann sich immer weiter. Er wurde dann auch noch bei der Behörde gegen Krafft benutzt, dem alle Schuld zugeschoben wurde, und eines Samstags, da er gerade unterrichtete, wurde ihm sein Absetzungsdekret zur Unterschrift vorgelegt. Es riß ihn hin, es seinen Schülern vorzulesen. Dann unterschrieb er's und ging.