Die Gesangstunde für den Abend sagte er ab, er fürchtete einen heftigen Ausbruch von Streitigkeiten im Vereinslokal oder auf der Straße, wenn er sich jetzt zeigen würde. Und er fürchtete auch, sich nicht halten zu können und in der Erregung ein unbedachtes Wort zu reden, wenn er herausgefordert würde. Am Nachmittag kam noch einmal ein amtliches Schreiben. Es war vom Pfarrer, »daß er gehalten sei, die Orgel bis zum Eintreffen seines Nachfolgers zu spielen.«
Diesen Sonntag wollte der Krafft noch einmal spielen, aber es sollte zum letztenmal sein. Er hatte sich's fest vorgenommen: Es sollte sein Abschied von der Orgel sein.
Am Sonntagmorgen, als es anfing »zusammenzuläuten«, ging der Krafft in seiner gewohnten Weise nach der Kirche. Er ließ sich vom Glöckner die Weisungen des Pfarrers holen, dann schritt er langsam die Treppe zur Empore hinauf. Als sein grauer Kopf sichtbar wurde, sah man von allen Seiten nach ihm. Auf allen Gesichtern lag ein tiefer Ernst. Der grimmigste Feind hätte jetzt im Gefühl seines Sieges nicht lächeln können. So ernst Kraffts Gesichtszüge waren, so ruhig und fast klar waren sie doch auch, denn nichts Bitteres sprach in ihm. So sah er fast feierlich aus, und allen war es feierlich bei seinem Anblick. Als ob jeder fühlte, daß da einer zwischen ihnen gehe, der ein Schicksal auf seinen Schultern trage. Es mochte manchem sein, als ob dies Haar, das in diesen schweren Tagen fast schlohweiß geworden war, mehr fordere als nur die Ehrfurcht vor dem Alter. Und manchem mochte auch das Herz bange geworden sein im Gedanken an des alten Lehrers Zukunft, und er mochte sich in diesem Augenblick seiner eigenen Schuld erinnern, die er selbst an dem Unglück des Lehrers trug, dem er doch nur hätte dankbar sein müssen. Einem oder dem anderen gar mochte es aufgehen, daß es etwas Gebietendes, Großes und Erhebendes sein müsse, so fest und sicher dahinzugehen, sich aufrecht zu halten und kein Mitleid zu fordern, wenn ein großes Leid die Seele beschwert, ein Wirken, eine Zukunft, eine Existenz zertrümmert liegt.
Alle waren ergriffen, jedem schlug das Herz höher. Das Schicksal erzwang sich Achtung, sein Anblick mahnte zur Einkehr. Der Krafft hatte jetzt die Orgel aufgeschlossen und die Noten aufgestellt. Dann setzte er sich auf den Orgelbock. Er wartete, bis der Priester aus der Sakristei trat.
Ernst und feierlich spielte er das Präludium, ernst und einfach begleitete er den Gesang des Volkes und des Priesters, schlicht und unverschnörkelt präludierte er und spielte die Zwischenstücke ohne viel Stimmenaufwand.
Durch nichts Äußerliches verriet sich die Bewegung seines Herzens, und sie niemand auch nur im leisesten zu künden, befleißigte sich Krafft der größten Strenge und bewahrte sie während des ganzen Gottesdienstes im begleitenden und füllenden Spiele.
Der Pfarrer hatte die Predigt ausfallen lassen. Der Krafft war froh darüber. Er hätte ihm heute nicht zuhören können. Er war froh, an seiner Orgel sitzen bleiben zu können. Zu spielen, zu vergessen. So wichtig waren ihm sonst die einzelnen Akkorde nie gewesen. Sie flossen ihm nicht zu — er wählte streng und vorsichtig aus, alles Prunkende vermeidend. Er war schwer und ernst gestimmt. Er spielte nicht nur vor dem Gotte, dem der Priester opferte, den die Gemeinde anbetete — groß und streng sah er sein Schicksal vor sich. Er spielte vor seinem Schicksal. Und er wollte nicht klein sein vor ihm.
Als sei es sein Richter, war ihm, als wäge es nun, ob er zu leicht sei und schwach, oder wert, die Schwere seiner Last zu tragen und seinen Arm zu fühlen, der wie aus einer Ferne, einer Höhe, einer Ewigkeit herüberreichte.
Gut und groß ward der Krafft vor seinem Blick.
Er hatte alle Kränkungen und Beleidigungen vergessen, er stand über dem Augenblick, der so schwer war, und es war ihm, als weihe er sich jetzt, sein Verhängnis zu tragen. Er fühlte sich so außerhalb der Menschen, außerhalb ihres Kreises gesetzt. Er fühlte sich ganz allein. Und er gab sich für das geringste, was er tat, tief und streng Rechenschaft.