Er war Schullehrer in einem lumpigen Nest, ganz hinten im dicksten Odenwald. Da ging er auf in christlicher Übung der Armut und marterte seine Nerven in »Berufsfreudigkeit«. So wurde er immer dürrer und blasser. Böse Menschen sagten, seine Nase sei schon so eingehutzelt, daß die Brille gar nicht mehr sitzen bleiben wolle und jede Woche mindestens ein Millimeterchen abwärts rutsche ...

Es wäre ihm übrigens ein leichtes gewesen, sein Gelübde der Armut zu brechen, denn bei neunhundert blanken Mark Gehalt und einer Frau und sechs Kindern, da läßt sich's doch leben —! Und wie leben! Aber doch deklamierte der arme Schulmeister von Dingskirchen tagtäglich, wenn er auf der kahlen Höhe stand, an der großen Eiche, wo die Touristenwege zusammenlaufen und so viele vornehme Herren aus den Städten so stolz und wohlgenährt an ihm vorübergingen: »Ja, wer sich heitigendags zum Schulmaster versteht, hot vun vornerein des Gelibd der Aarmut abgeleht.« Wie oft hatte er dies Verschen drüben in Rheinhessen, im gesegneten Rheinhessen, wo er seine Jugendzeit verlebt hatte, sagen hören. Damals lächelte er dazu und wollte dem schalkhaften Lennig aus Mainz, der das gedichtet hat, nicht glauben. Damals träumte er von goldnen Zeiten und sah den Himmel voller Baßgeigen und hörte die Engel, all die wohlgenährten, pausbackigen Engel ein Tedeum singen. »Mein Sohn werd Schulmaster,« prahlte sein Alter. »Des is emol e Kerl, der hot's fauschtedick hinner de Ohren. Soll mer aach was Rechtes wern — un wann vun drei Johr de Wein druff geht — — Schulmaster!«

Dem Schullehrer von Dingskirchen gab's einen Stich in die Seele, wenn er daran dachte. Und sein Magen knurrte. — Ob er wohl nun nach Hause trollte, um den Quäler zur Ruhe zu bringen? Auch im Hungern kriegt man bald einige Übung und erfindet allerhand dagegen, wenn man das Radikalmittel nicht anwenden kann ...

So lebte der dürre Schullehrer schon seit Jahren in seinem lumpigen Nest, ganz hinter der Welt. Und da hockte er nun fest. Früher hatte er sich ein paarmal fortgemeldet, an bessere Stellen, gar einmal nach einer Kreisstadt. Aber es war ihm nie gelungen. Er wußte eigentlich selbst nicht warum. Seine Pflicht tat er wie jeder andere. Einen ernstlichen Rüffel hatte er auch noch nicht bekommen. Auch die schlechtesten Zeugnisse hatte er nicht gerade. Aber es gelang ihm doch nie. Es war halt immer so eine Sache, wenn seine Meldung aus dem armseligen Nest kam. Bald gab er das Melden auf und sagte sich in frommer Resignation: Ich habe halt kein Glück. Und dann kam er in die Jahre, wo so ein einfaches Gemüt sein Heim und seinen Halt sucht. Er kam sich unter den seßhaften Odenwälder Bauern wie ein Vagabund vor, der immer herumfliegt. Dem wollte er ein Ende machen. Und er heiratete. Eine dralle Bauerndirne aus dem Dorf, die gescheitste nicht und die dümmste nicht, auch nicht die ärmste, aber auch nicht die reichste. Reiche waren überhaupt keine da.

So hatte denn der Schulmeister auch seinen Halt und sein Heim. Und nun kamen auch bald Kinder in das Heim. Jedes Jahr eines, und einmal sogar Zwillinge. Wie die Orgelpfeifen kamen sie. Einige starben bald. Und als das Kinderkommen endlich anscheinend aufhörte, waren's gerade sechs. Das Jüngste war nun zwei Jahre. Jetzt war's sicher vorbei ...

Das Jüngste aber war nicht ganz gesund. Die Schullehrersleute hatten viel Last mit ihm. Doktor– und Apothekerkosten! Und die Rechnungen fielen immer gehörig aus. Der Schullehrer hielt etwas auf Ehre. Lieber litt er Hunger, als daß er die Rechnungen nicht bezahlte. Und doch galt der Schullehrer von Dingskirchen bei seiner Behörde und bei seinen Kollegen als versackt und verkommen. Dem äußeren Schein nach zu urteilen. Es war gut, daß er da hinten in Dingskirchen hockte — da hinten, hinter der Welt, wo er mit den anderen nicht in Berührung kam. Sie mieden ihn übrigens geflissentlich. Das wußte der Schullehrer, und das nagte auch noch in seiner Seele. Denn eigentlich war er nicht verkommen ...

Der Schullehrer kam müd und matt von seinem Spaziergange am Abend heim. Frau Grete hatte schon das Essen aufgetragen: Gesottene Kartoffeln und Schmierkäse. Die fünf »Freßsäcke«, wie die Mutter die Kinder gelegentlich nannte, saßen schon um den Tisch und erwarteten den Vater.

Er legte seinen Rock ab, hängte den Hut vorsichtig an den Haken und sagte dann zum Ältesten: »Beten, Karl!«

Der Junge stellte sich und plapperte das Vaterunser herunter. Dann wurde gegessen.

»War jemand da?« fragte der Schullehrer seine Frau.