Bis Mittag riefen sich die Kinder, die froh waren, daß sie keine Schule hatten, auf der Straße zu: »Unser Schullähre is närrischt worn ... ja — er is närrischt worn ...«
Die Freite.
Also nun war es wieder November geworden. Trübe Tage. Der Oktober war noch einmal licht und freundlich gewesen, und das Land hatte weit und breit klar gelegen. Nur am Morgen waren die Nebel aufgezogen, lang und dicht das Selztal hin, aber bald war die Sonne gekommen und hatte sie vertrieben. Da hatten sie dann in den Weiden und Erlen in losen Fetzen geflattert, bis die auch verflogen waren und nur in den ausgespannten Spinnennetzen als dünne glitzernde Perlchen eine Spur zurückgelassen hatten. Es waren so schöne Tage gewesen, die Oktobertage diesmal, und man hatte noch einmal ans Leben gedacht, als wär's Sommer, hatte hinaus gedacht zu den Menschen, ins Weite und Gesellige.
Und nun war's November und trübe, und man war mit seinem ganzen Sinnen und Sorgen zurückgetrieben in seine vier Wände, in die Enge, und man mußte sich einrichten auf den Winter, auf Frost und Feuchte, auf die lange tote und unliebe Zeit.
Nun blieb die Wiesenmühle ganz abgeschlossen von der Welt. Niemand mehr, der im Felde arbeitete. Höchstens vielleicht, wenn es Eis gab, daß die Eismacher herauskamen. Dann die paar Bauern, die mahlen ließen. Es waren nicht mehr viel. Die Hauptsache war schon weggemahlen, das wenige, das noch in den Scheunen lag, das war nicht mehr der Mühe wert.
Die Wiesenmühle hatte sehr nachgelassen in den letzten Jahren. Alles fuhr nach der mittleren Mühle, die dem Jerrisepp gehörte, weil dahin die neue Chaussee vorbeiführte und die Bauern bequemer anfahren konnten, als den holprigen Feldweg zur Wiesenmühle hin. Der war nun fein heraus, der Jerrisepp. Oben, die Ecklocher Mühle, hat auch fast gar nichts mehr zu mahlen, die Kettenmühle hätte auch fast das Rad abstellen können. Nur noch ein paar alte Kunden waren ihr treu geblieben, und nur dadurch, daß der Kettenmüller eine Bäckerei eingerichtet hatte, hatte er sich über Wasser halten können.
Der Wiesenmüller war keiner von denen, die sich allzu viel Sorgen machten. Im Gegenteil, er gönnte es dem Schlauberger Jerrisepp, daß er so viel zu tun hatte. Er dachte, das würde auch einmal wieder anders werden, und die vier Mühlen liefen wieder wie in guten Jahren, da sie Tag und Nacht geklappert hatten und keiner dem anderen Neid getragen hatte. Wozu auch neiden! Damit schadet man sich nur selbst und ändert die Dinge doch nicht.
Vor ein paar Tagen, bei dem hellen Oktoberwetter, hatte der Wiesenmüller noch gern droben gestanden am Giebelfenster und hatte über die Wiesen hin hinauf zum Jerrisepp gesehen, ob noch tüchtig die Kornwagen bei ihm einfuhren. Und richtig, der ganze Hof stand ihm noch voll. Aber dann hatte der schöne Sonnenschein den Blick weiter gelockt, und er hatte nach dem Dorfe gesehen, wo die Schornsteine rauchten und woher die Glocken klangen, klar und rein herüber in den stillen Mühlengrund, in dem die Töne verhallten wie in einem weiten Dom. Er war nicht von Sorgen bedrückt. Er und seine Frau, sie hatten genug zusammengebracht und genug zusammen errungen, wenn es auch einmal einen Winter lang gar nichts war, sie verhungerten noch nicht. Was sie zum Leben brauchten, das wuchs auf ihren Feldern um die Mühle herum, und was sonst nötig war, das konnte von den Zinsen bestritten werden, wenn die Kasse leer wurde. Nein, es war dem Wiesenmüller leicht und froh sogar ums Herz, wie er da oben stand. Der Himmel war so klar und rein wie frisch ausgewaschen, und das Land war so voll von seltenen Farben, wie man sie sonst im Jahre gar nicht sah, und die Sonne hatte etwas so Mildes und Zartes, wie wenn sich eine Mutter über die Wiege von ihrem Neugeborenen bückt. Er wußte gar nicht, was es war und wie er es sich klarmachen sollte. Er kannte doch das Land und hatte es zu den verschiedensten Zeiten gesehen, aber so schön und anziehend hatte es noch nie dagelegen, soweit er sich erinnern konnte. Es lockte ordentlich hinaus, und man konnte sich gar nicht vorstellen, daß der Winter vor der Tür stünde. Er dachte daran, daß er am Sonntag einmal mit seiner Frau und seiner Tochter ins Dorf gehen könnte, den »Neuen« zu probieren. Ja, das könnte man wirklich einmal, es war ganz gut, sich von Zeit zu Zeit im Wirtshaus sehen zu lassen. Sonst wurde man den Leuten ganz fremd und muffelte sich so in sein Alleinsein ein, daß kein Mensch mehr etwas mit einem zu tun haben wollte und die Welt einen gar nicht mehr verstand. Er summte ein altes Liedchen vor sich hin. Dann pfiff er. Und weil in der Mühle der Gang jetzt leer gelaufen war, hallte die Schelle laut zu ihm herauf, daß er aus seiner Stimmung gerissen wurde und ein barsches Hallo! hinunterrief. Dann ging er, aufzuschütten. Aber das behielt er sich, daß er am Sonntag ins Dorf zum »Neuen« gehen wollte.
Da er aber am Sonntag aufwachte und zum Fenster hinaussah, war alles in dichten Nebel gehüllt, daß man keine drei Schritt weit sehen konnte. Und der Wiesenmüller sagte nichts zu seinen Leuten vom »Neuen« und behielt seinen Gedanken für sich. Aber er sagte zu seiner Frau, daß man jetzt an den Winter denken und sich verwahren müsse.