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Richtig, am Montag, in aller Frühe, saß er denn auch schon auf seiner Scheunentenne am langhalmigen Stroh und legte sich's zu Schichten und Wulsten, machte dann eine Strohtür für den Stall, rahmte Fenster und Haustür mit Strohzöpfen ein, stopfte sonst noch zu, was die Kälte hereinlassen konnte, die Keller– und Dachluken, die Löcher in den Stalltüren und die Tröge des Schweinestalles. Die Wasserpumpe und die Pfuhlpumpe umwickelte er so geschickt mit den hellen Strohzöpfen, daß sie ordentlich stolz aussahen und so recht behaglich in ihren warmen Kleidern dastanden, wie junge Mädchen, die zum erstenmal die neuen Wintermäntel anhaben.

Die Müllerin saß indessen drin am wärmenden Kastenofen und strickte warme Wintersocken und Knie– und Pulswärmer. Sie stopfte die Fausthandschuhe Und sah auch die wollene Strumpfkappe des Müllers nach, ob nicht die Motten Löcher hineingefressen hätten oder eine Masche aufgegangen war. Es war eine recht mechanische Arbeit, und sie duselte von Zeit zu Zeit ein kleines Weilchen drüber ein und nickte ein Stückelchen herunter. Wenn dann die Schelle am Mahlgang riß, fuhr sie auf und strickte oder stopfte hastig weiter und sah sich jedesmal dabei ein wenig in der Stube um, ob sie niemand beobachtet hatte, obgleich sie wußte, daß sie allein war.

Nur für die Eve, die einzige Tochter, brachte die Zeit nichts Neues und keine Veränderung. Sie besorgte die Arbeit in der Küche, und Sommer wie Winter wollten die Menschen ihren Tisch gedeckt haben, und das Vieh wollte sein Futter; Küche und Stube und Ställe brachten immer die gleiche Arbeit. Nur die Feldarbeit fiel freilich ein paar Wochen lang weg. Dafür half sie der Mutter etwas bei ihren Ausbesserungen, wenn sie mit dem anderen fertig war.

Die Eve tat ihre Arbeit mit Fleiß und Lust. Es freute sie, etwas hinter sich zu bringen, was es war, war ihr gleich. Sie wußte, es war auf der Welt keinem Menschen etwas gespart. Warum sollte es ihr sein. Und sie schaffte ja auch für sich selbst. Wenn's für andere Leute wäre, ja dann wär's eher zum Murren und Überdrüssigwerden, aber so. Sie war eine vergnügliche Natur, freute sich, mit jemand zu plaudern, hörte gern Neuigkeiten, fragte gern aus — was hatte sie denn auch sonst hier draußen in der Abgelegenheit! — sang gelegentlich ein Liedchen und lief gern in die Kirche. Sie konnte den Rosenkranz aus dem »ff« beten. Und das war so bequem. Dabei konnte sie sich in der Kirche umsehen — links ein bißchen herausschielen, rechts ein bißchen — und das Lippenwerk ging immer weiter, und wenn die Kirche aus war, waren es nur wenige, von denen sie nicht gewußt hätte, was sie anhatten und was sie auf dem Kopfe trugen, wer etwas Neues hatte und wer nur immer und ewig dasselbe trug. Selten auch, daß sie sich in ihren Berechnungen getäuscht hatte, wenn sie im Dorfe fragte, ob denn da und dort das Kleine noch nicht angekommen sei.

Es stimmte denn auch fast immer, und wenn es einmal nicht stimmte, so war daran ein Grund schuld, den die Eve nicht vorher hatte wissen können. Aber alles, was sie von den Menschen wußte, das plauderte sie nicht weiter aus. Sie sagte keinem etwas Böses nach. Nur ihrer Mutter erzählte sie die Dorfmirakel, und die war schon so abgestumpft, die hörte sie nur mit einem halben Ohr. Die Eve war keine Ausmacherin. Sie war nur neugierig. Sie ließ sich mehr erzählen, als sie selber erzählte. Und von jedermann war sie wohl gelitten, wenn sie auch einige eine »Trutschel« nannten. Das waren aber meist solche, die bei dem alten Wiesenmüller abgefahren waren, wenn sie um die Eve angehalten hatten. Denn der alte Wiesenmüller, so ein guter Kerl er auch war, vormachen ließ er sich doch nichts. Er wußte ganz genau, daß es den Werbern nicht um die Eve zu tun war, sondern um das, was sie mitbekam, und da sagte er immer nein. Ganz hart und schroff. Die Eve war nicht schön. Der Müller wußte das. Ihr eckig Gesicht verlockte keinen. Darum war's keinem zu tun. Aber die einzige Tochter, der einmal das ganze Vermögen zufiel, das stach ihnen in die Augen. Zudem hatte die Eve zu keinem eine besondere Zuneigung verraten, und der Müller war noch aus der alten Zeit, in der man gemeint hatte, zum Heiraten gehöre auch noch etwas anderes, als nur ein Schrank voll Weißzeug, ein paar Verschreibungen, ein Bündel blaue Scheine, und die Frau nur so als Dreingabe, weil man sich ja trösten konnte, daß bei Nacht alle Katzen grau sind. Und seine Verweigerung mußte die Eve dann büßen. Sie wurde eine dumme »Trutschel« genannt.

Wer aber die Leute ein bißchen besser kannte, wußte, daß da ein paar Füchsen die Trauben zu sauer gewesen waren, und sie lachten sich heimlich ins Fäustchen.

So ging also die Zeit herum und brachte keine Veränderung in der Mühle. Der November war feucht und neblig, und wenn die Müllersleute abends beisammen saßen, sagte die Eve einmal: »Es ist doch schade um den schönen Oktober, es war doch gar so schön Wetter!«

Die Mutter nickte der Eve zu. Der Vater aber murrte: »Dumm Gered, das ich nit hör'n kann. Nix ist schad. Der Oktober ist da, daß er vergeht, damit auch der November vergehen kann. Du solltest's nur mal erleben, 's ganze Jahr Mai oder 's ganze Jahr dein schöner Oktober, da könntest du bald blau pfeifen, sag' ich dir. Man muß die Feste nehmen, wie sie fallen, und 's Wetter, wie's wird. Alles andere ist Weibergewäsch und hat keinen Wert. Fertig! Und wenn's Frühjahr kommt, dann fangen wir wieder von vorn an und tun unser Bestes, das wir tun können. Fertig. Und das ist das Richtige!«

»Du bist doch ein alter Brummbär,« sagte die Müllerin.