Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein überhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der lateinischen und fragte in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger Pompejis von latinischem Ursprung?«
Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen Lippen ging etwas leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die Bestürzung über diese Erkenntniss prägte sich voll in seinen Zügen aus.
Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen, ein wirkliches Lächeln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf Deutsch thun.«
Das war eigentlich merkwürdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden verstorbenen Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in anderer Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit unter zwei über ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen, dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, und der andern, die von ihrer Stimme aus seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang grade so hell, wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille über das blühende Mohngefild hin, und dem jungen Archäologen kam's plötzlich zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so gehört. Und unwillkürlich gab er seinem Gefühl laut Ausdruck: »Ich wusste es, so klänge deine Stimme.«
In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verständniss für etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.«
Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, dass sie Deutsch sprach und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da sie's that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht anders geschehn, und er erwiderte schnell: »Nein, gesprochen nicht – aber ich rief dir zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir – dein Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten – leg' es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück –«
Während seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthümliches begeben. Von den Mohnblüthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den Säulen herangeflattert, umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den Säulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flüchtig noch sichtbar, dann schien sie in den Boden versunken zu sein.
Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch hatte er mit dumpfem Verständniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der Gestaltung eines Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflügelte Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr dorthin zu mahnen. Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch etwas Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der Mittelmeerländer den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen Tod sich selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht.
Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: »Kehrst du morgen in der Mittagsstunde wieder hieher?« Doch sie wendete sich nicht um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel des Oecus hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie mit einem treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen überflammt, lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, langsame Kreise ziehend, wieder über dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin.
* * *