Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurückgekommen sei, war Norbert Hanold nicht im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in der Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr verspätet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefähr in der Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem Monte Epomeo auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstündigen Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort für seine geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte zum Gasthof ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem er ihn verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei emsiger Beschäftigung mit der ›cena‹ an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hörte ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen einer todten, in der Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit sämmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten des Diomed ins ›Hotel Suisse‹ hinüber, setzte sich auch dort in eine Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen Nachforschungen hin. Sie führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr sämmtliche zeitweiligen lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berührte ihn daraus eine gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftstätten kein Gast, weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhörens in ein, wenn auch einseitiges, persönliches Verhältniss getreten war. Selbstverständlich war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn gekommen, er könne möglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die Gradiva antreffen, aber er hätte eidlich zu beschwören vermocht, dass sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Während seiner Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde Sterne übersäet, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise, sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen, sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und liess auch ein Weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein dieser trug in der Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstände schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen. Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen Fenster, nach dem Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet zu haben, aus und suchte seine Lagerstätte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blüthen als ein weiches, sonnenheisses Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin, die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger Anzahl, vom Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als das absolut Böse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra um ihn her.

Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe der Fliegen ihn aufweckte, konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste webend, neben ihm gesessen, denn er fühlte seinen Kopf vollständig damit angefüllt und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin ausweglos eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er müsse genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei hatte sich indess eine Scheu seiner bemächtigt, wenn die Thorhüter am Ingresso ihm ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen, überhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nähe der Beobachtung von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's für den Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen übermässig damit zu beschweren, dass er der ›amministrazione‹ durch sein selbstherrliches Verfahren vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl später auf irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grössten Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath ziehend, auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger Entfernung auf etwas silberweiss glänzend aus dem Schutt Aufragendes, ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, was es sei. Doch trieb's ihn unwillkürlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher, ganz mit weissen Glockenkelchen behängter Asphodelos-Blüthenschaft heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefühl kam, für sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurück. Mehr und mehr brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle übrigen schon; drüben nach Westen drängten sich bereits sämmtliche Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu. Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades hinunterzugeleiten.

Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte, rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium, zwischen den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen des Oecus herüber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem Eigenthümer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die für die archäologische Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, wusste er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste und Gleichgültigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich mit ihr befassen könne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich alles Denken und Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war. Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr hieher sei vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, ebenfalls todt, begraben und vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen Stufe sitzend. Doch er liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen, sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: »O, dass du noch wärest und lebtest!«

Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine andere die leere Stille und sagte: »Willst du dich nicht auch setzen? Du siehst ermüdet aus.«

Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen. Oder übte auch eine Gehörhallucination Betrug an ihm? Starr dreinblickend, stützte er sich mit der Hand an einer Säule.

Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als die Gradiva besass: »Bringst du mir die weisse Blume?«

Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er fühlte, dass die Füsse ihn nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als mit dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen und Davongehn angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer veränderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und ähnlich schien sie sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in der dritten Person ihrem Munde und den Umständen des Raumes nicht angemessen sei, denn sie hatte sich auch des ›Du‹ bedient, und es kam ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches von den Lippen. Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm sie nochmals wieder das Wort und sagte:

»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal zugerufen, als ich mich zum Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.«

Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, dass ihm möglich fiel, zu antworten: »In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.«

»Ach so – damals. Ja richtig – das war mir nicht eingefallen. Aber ich hätte mir denken können, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben müsse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich däucht, du siehst jünger aus.«